Kaitlyn Aurelia SmithEuclid
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Label:
Western Vinyl
VÖ:
16.01.2014
Referenzen:
Suzanne Ciani, Oneohtrix Point Never, Laurie Spiegel, d'Eon, Terry Riley
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Mathematik kann schön sein. Dafür muss man nicht erst das elegante Jonglieren von Gleichungen erlernen, der Goldene Schnitt oder fraktale Grafiken lassen auch für Außenstehende die Formeln hinter der ästhetischen Anmut erkennen. Als Grundlage für ihr Album „Euclid“ nutzte auch die amerikanische Synth-Komponistin Kaitlyn Aurelia Smith Mathematik – muss man dahinter strenge Verkopftheit vermuten?
Schließlich mag Smith auf ihrem analogen Buchla-Synthesizer komponiert haben, doch vielleicht schon bei der Aufnahme oder bei Matthewdavids Mastering, spätestens aber für die Veröffentlichung als Download, Stream und CD ordneten digitalisierende Algorithmen den Klangwellen über Sampling eine binäre Entsprechung zu. Der überwältigende Großteil aller gegenwärtig gehörten Musik ist gewissermaßen bereits ein mathematischer Ausdruck oder Ergebnis dessen. Andererseits ist ein Paradebeispiel für die Anwendung von Mathematik auf Musik das Zwölftonsystem, dessen strenge Regelmäßigkeit für viele eher unangenehm klingt.
Mit all dem hat die zweite Hälfte des Albums aber wenig am Hut: „Labyrinth I“ bis „Labyrinth XII“ heißt das Dutzend synthdroniger Miniaturen, die sich oft wie das zunehmend heller durchleuchtete „Labyrinth V“ nur in eine Richtung entwickeln oder wie „Labyrinth X“ um eine melodische Idee umhertänzeln. Neben Smiths Einfallsreichtum kommt ihnen zugute, dass sie anders als viele ihrer früheren Aufnahmen in klar umfasstem Sound erklingen, Basstöne resonieren ebenso lebendig wie die leuchtenden Hochtöne. Ursprünglich komponierte Smith die Stücke als Begleitmusik für Stummfilme, doch wirken sie hier assembliert sogar weniger fragmentarisch und stellen eine sanfte Vertiefung in Smiths Klangwelt dar, die größtenteils stimmig an die erste Hälfte von „Euclid“ anknüpfen. Die mathematische Basis jener sechs Eröffnungsstücke liegt wohlgemerkt nicht in Formeln, die zur Beschreibung von Klang gedacht sind.
„Euklidisch“ bezieht sich in diesem Fall (nach dem Griechen ist ja weit mehr als nur ein mathematisches Konzept benannt) auf Geometrie, genauer die räumliche Geometrie, mit der wir alle vertraut sind. Bei ihrem Studium am San Francisco Conservatory of Music lernte Smith das Experiment kennen, eine 3D-Stuktur aus Vektoren, deren Verbindungen und dazwischen entstehender Flächen in Musik umzusetzen. Deren Zahlenwerte können beispielsweise als Notenabstände, Tonhöhen oder Instrumente interpretiert werden – und menschliche Interpretation bedeutet eine große Wahlfreiheit.
So fühlen sich Stücke wie „Careen“ mit ihrem lebhaft rhythmischen Knicken, jubilanten Pfeifen und kaskadierenden Glitzern mehr wie kunterbunt-immersive Tunnelfahrten als die äußere Beschreibung eines räumlichen Objektes oder einer Form an. „Escapade“ elektrisiert mit einem abwechselnd links und rechts akzentuierten Beatmuster, „Sundry“ verdichtet sich wie ein großes durchfieptes Vogelhaus, an dem immer kräftiger gerüttelt wird, „Stunts“ besitzt gar eine Songstruktur mit wortlosen Strophen und Vocal-Refrain. Es ist denn auch Smiths Gesang, der jeden verbleibenden Gedanken an formelhafte Strenge verflüchtigt: Mehr wie im Traumzustand schwimmt er in „Wide Awake“ durch eine Parade klappernder Muscheln, weit in den Ozean hinaus – bis er hinterm Horizont verschwindet.


