Immer wenn man glaubt, aus den bleichen Gebeinen von Gothic sei nun endgültig das letzte Süppchen destilliert, die verbliebenen Knochen zerrieben und ihr Staub in den Nasenlöchern der letzten Adepten verschwunden, erscheinen neue Gestalten auf der Bildfläche, welche es irgendwie schaffen, aus dem verbliebenen Nichts etwas Interessantes zu zaubern. Letztes Jahr gelang Savages dieses Kunststück in beeindruckender Weise und auf einmal konnte man das Wort „Goth-Rock“ wieder frei aussprechen. Ein Wort, um das man vorher lieber herumsegelte mit Beschreibungen wie „Post-Punk“ oder „New Wave“, damit man nicht sofort ungewollte Assoziationsketten wie Orkus, „Grufties“, „Schwarze“, Goethes Erben, Das Ich auslöste (obwohl man Bauhaus und Siouxsie natürlich schon immer super fand und „Bela Lugosi’s Dead“ sowieso über jeden Zweifel erhaben ist). Die durchschlagende Wirkung von Savages werden Have A Nice Life sicher nicht erreichen, dazu ist ihr Ansatz, den sie auf ihrem zweiten Album präsentieren, einfach zu sperrig. Aber was die Band aus Connecticut hier für einen Schierlingsbecher anrührt, das darf man atemberaubend verstörend und verstörend atemberaubend nennen, ein Klangkosmos aus dem in aufgeschlossenen (Black-)Metal-Kreisen beliebten finnischen Duo Circle Of Ouroborus, Joy Division und Depeche Mode. „The Unnatural World“ ist geprägt durch eine ausgesprochene Ästhetik der Entrückung, alles klingt weit weg, verwaschen, invertiert, nahezu körperlos, wie aus weiter Ferne herübergeweht, aber mitnichten nach Shoegaze. Auf ein derartig aufgestelltes Grundgerüst packt das Duo die Körperlichkeit eines Peter-Hook’schen Basslaufes, streckenweise stachlige Gitarrencluster und einen Gesang, der in seiner durchaus vorhandenen Pathetik den zombiefizierten Dave Gahan aus der Gruft heraufbeschwört. Wirklich famos und in dieser Art und Kombination absolut ungehört.

2 Kommentare zu “Have A Nice Life – The Unnatural World”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Sehr schön geschrieben, Mark. Da gehe ich komplett mit. Allerdings muss ich sagen, dass ich mir auch hier Deine „berühmte“ Plattencover-Herleitung gewünscht hätte;)

  2. Sicher! Ekstatisch tanzende Nonnen, vermutlich ein Film-Still aus der Zeit als das Kino laufen lernte, das wäre was geworden! Aber die nächste The Men kommt bestimmt ;-D

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