Self Defense FamilyTry Me
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Label:
Deathwish Inc.
VÖ:
31.01.2014
Referenzen:
Defeater, Modern Life Is War, Drug Church, La Dispute, Future Of The Left
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Autor: |
| Mark-Oliver Schröder |
Deathwish Inc. entwickelt sich immer mehr zu einer der Institutionen in Sachen Post-Hardcore-Metal-Screamo-Coldcave-Irgendwas. Allein letztes Jahr veröffentlichte das Label aus Salem neben Deafheavens „Sunbather“, unserem Album des Jahres, sehr gute bis herausragende Alben von Touché Amoré, Oathbreaker und Modern Life Is War. Das Deathwish-Jahr 2014 eröffnen Self Defense Family mit ihrem ersten Album unter diesem Namen, nachdem die aus alten Hasen im (Post-)Hardcore- oder Punk-Umfeld zusammengesetzte Band lange unter End Of A Year firmierte.
Anders als ihre Labelkollegen Modern Life Is War oder Oathbreaker, die sich eher am klassischen Hardcore oder an der Grenze zu Screamo und Post-Metal abarbeiten, mäandern Self Defense Family merklich durch ihre Songs, dabei ist das Tempo für Hardcore-Verhältnisse zumeist zurückgenommen, fließend, aber auch nie zu groovy. Im Geshoute – nein, eigentlich ist es eher ein heiseres, lautes Sprechsingen, das im Duktus manchmal an Zack de la Rocha erinnert, aber natürlich nie Rap ist – von Sänger Patrick Kindlon schwingt immer, neben unterschwelliger Wut und Frust, eine gehörige Portion Melancholie mit. Sie zieht sich auch musikalisch durch die Songs zieht und findet ihren besonderen Niederschlag in den Melodien der Gitarrenläufe findet, doch auch fast poppige Momente lassen Self Defense Family zu, am offensichtlichsten wenn Caroline Corrigan das Mikrofon übernimmt oder die Gesangsparts geteilt werden.
Beim Hören der Songs von „Try Me“ entsteht zuweilen das Gefühl, die Band würde sich spielerisch durch diese jammen, geschult am jahrelangen Zusammenspiel. So diskutiert Kindlon am Anfang von „Dingo Fence“ mit dem Rest, was sich denn reim- und provokationstechnich gut machen würde: Cunts, Cocks oder Cops. Diesen Studiodialog einfach über den Anfang des Liedes zu legen, wirkt jedoch wie ein Spoiler in Film- oder Buchrezensionen oder ein vorgeschaltetes Making-Of (klar, in dieser Rezension jetzt auch, aber die Band bietet es durch diesen Zug explizit so an), sodass die eigentliche „Provokation“ natürlich verpuffen muss. Doch könnte dies auch ein kalkulierter Schachzug sein, durch den die Band den Entstehungsprozess des Textes und somit indirekt auch der Musik als diskursiven Akt innerhalb des Bandgefüges transparent macht. Zwar besteht der Text zu „Dingo Fence“ letztendlich aus fast nichts anderem als Variationen der immer wieder proklamierten Phrase, „All the dumb cocks/cunts/cops get what they want“, aber seine Wirkung verfehlt diese nicht. Dabei werden Self Defense Family nie offensiv aggressiv oder schreiend laut, was vielleicht der offensichtlichste Unterschied zu anderen Bands ist, die ähnliche Themen bearbeiten. Ihr Gestus ist eher der der Beiläufigkeit, ohne es jedoch an Dringlichkeit mangeln zu lassen. Eben dies macht ihren musikalischen Ansatz in diesem Segment so interessant: Ihr Mittelfinger artikuliert sich leiser, fast zwischen den Zeilen.
Was allerdings am meisten an dieser Platte absichtlich irritiert, ist der aus einem mit Kindlon geführten Interview zusammengeschnittene, über 35 Minuten lange Lebensbericht von Jeanna Fine alias Angelique (Michele) Gauthier, einer (Ex-)Größe im Pornogeschäft. Der erste Teil „Angelique One“, ein einundzwanzig Minuten langer Spoken-Word-Monolith, ist fast in der Mitte des Album platziert (zumindest bei der digitalen und CD-Version, die Vinylausgabe bringt diese beiden Teile auf den Seiten C und D unter). Der Gesprächscharakter ist eliminiert, die Fragen oder der Frager sind entfernt, wir lauschen Gauthiers teils amüsantem, teils hochgradig verstörendem Monolog über ihr Leben völlig ungefiltert. Die Zielführung der Erzählung bleibt am Ende von Teil eins noch völlig im Unklaren und erschließt sich erst in „Angelique Two“, an dessen Ende sie über innerfamiliären Missbrauch, ihren Einstieg ins Pornogeschäft und über ihre schon zu Highschoolzeiten gefühlte Queerness berichtet. Dass es dieser Monolog so prominent auf das Album geschafft hat, obwohl er in seiner reinen Art einen Fremdkörper in der musikalischen Darbietung der Band darstellt, kann sicher auch als Statement zur derzeit allgegenwärtig scheinenden Prostitutions-/Sexismusdebatte der Band und Kindlons verstanden werden, besonders wo sich Letzterer offenen Sexismusvorwürfen ausgesetzt sah und sieht. Gerade auch, weil Gauthier am Ende klarmacht, dass bei allen, oder besser trotz aller Widrigkeiten ihres Lebens, der Einstieg ins Pornogeschäft für sie einen legitimen Karrierezug dargestellt habe. Besitzer der digitalen oder CD-Version werden Fine vermutlich spätestens nach dem dritten Durchgang weg programmieren, aber es bleibt ein starkes (auch politisches) Statement, besonders gegen allzu leichtfertiges, zumeist ideologisch oder dogmatisch durchtränktes Schwarzweiß-Denken.


