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AUFTOUREN 2021 – Das Jahr in Tönen

Aus Gründen ein wenig später als üblich, aber in altgewohnter Qualitätsauswahl führen wir nun das zurückliegende Jahr zum krönenden Abschluss: Heute krönen wir unsere 25 Albumhighlights aus 2021.

In ihnen sehen sich gewiss auch die letzten beiden Jahre COVID reflektiert und alles, was diese mit sich brachten, deutlich wird aber auch, dass es so etwas wie einen „Sound der COVID-Ära“ per se nicht gibt. Musik ist weiterhin, was Mensch daraus macht und kann klingen wie … nun ja, unter anderem so:


25

Sophia Kennedy

Monsters

[City Slang]

„Everybody’s got a problem and they treat it like a pet/ Feed it when it’s hungry and cry when it is dead.“ Vier Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debüt zeigte Sophia Kennedy, die Queen der Verschrobenenen und Nerds, mit „Monsters“ eindrucksvoll, dass sie gekommen ist, um zu bleiben. Eine Platte voller unfassbarer Reime, gehirnverdrehender Metaphern, genialem Songwriting und detailverliebter Produktion. Musik für einen Weg durch den alltäglichen Wahnsinn. (Benedict Weskott)


24

Tyler, The Creator

Call Me If You Get Lost

[Columbia]

Es ist besser, auf der eigenen Yacht oder im verkrümelten Rolls Royce zu weinen als im HVV-Bus. Und es ist besser, verliebt Händchen zu halten, als mit den Bros coole Handshakes einzuüben. Klar, für solche Weisheiten hätten wir kein neues Album des ehemaligen Odd-Future-Chefs gebraucht, aber „CALL ME IF YOU GET LOST“ hat viel mehr zu bieten: Nach dem experimentellen Soul von „IGOR“ ist das Album Tylers Rückkehr zum Rap und gleichzeitig seine Hommage an die Mixtape-Ära der 00er-Jahre – inklusive Marktschreier-Ansagen von DJ Drama, dem Host der legendären „Gangsta Grillz“-Tapes, und einem Feature von Lil Wayne, dem Godfather of Mixtape-Rap. Musikalisch verbeugt sich Tyler vor der ungezügelten Kreativität dieser Jahre, reflektiert aber auch durchaus (selbst-)kritisch die Skandale seiner frühen Karriere. Grelle Schocker hat der 30-Jährige heute nicht mehr nötig, statt Kakerlaken zu fressen, wandelt er in seinen neuen Videos durch eine luxuriöse Wes-Anderson-Welt. Widersprüchlich bleibt es aber auch auf „CALL ME IF YOU GET LOST“, weshalb auf den schmachtenden R&B von „WUSYANAME“ die Horrorcore-Single „LUMBERJACK“ folgt. (Daniel Welsch)

23

Sufjan Stevens & Angelo De Augustine

A Beginner’s Mind

[Asthmatic Kitty]

Auch in diesem Jahr wanderte Sufjan Stevens gekonnt auf dem Pfad zwischen Genie und Wahnsinn. Jeder der 14 Songs auf „A Beginner’s Mind“ dreht sich um einen Film, den er zusammen mit Angelo De Augustine studierte. Und da bloße Inhaltsangaben zu banal wären, liefern die beiden in oft nicht einmal vier Minuten pointierte Analysen, sei es des großen Ganzen oder vermeintlicher Nebensächlichkeiten. Musikalisch ergänzen sich die beiden, die nicht selten zum Verwechseln ähnlich klingen, sowieso glänzend. Nach dem eher impulsiven „The Ascension“ stellt sich hier wieder die wohlige, in sich gekehrte Aura des diesmal im Doppelpack auftretenden Einzelgängers ein. (Felix Lammert-Siepmann)


22

SPELLLING

The Turning Wheel

[Sacred Bones]

Vom verwunschenen Jahrmarkt in die Unterwelt. “The Turning Wheel” ist ein Werk zweier Hälften, zweier gleichermaßen magisch anmutender Klangwelten, aus denen vor allem Chrystia Cabrals zeitlose Melodien hervorstechen. Lange Zeit ist ihr drittes Album technicolor-bunter, psychedelisch angehauchter Chamber-Pop voll zauberhafter Tonläufe, lockender Pfeifen und Trompeten, munterer Pianos und bildmalender Geigen, stets auf Kurs gehalten von Cabrals beschwörender bis souliger Stimme. Mit “Boys At School” kommt die Wendung auf molligen Tönen, die zuvor so unbescherten Instrumente erklingen aus dem Abseits in atmosphärisch umwallten Synth-Höhlen oder von schneidend gniedelnden Gitarren überstrichen. Nach dem geisterhaftem Leiern von “Sweet Talk” ist der Spuk vorbei, doch der Zauber bleibt. (Uli Eulenbruch)


21

The Hold Steady

Open Door Policy

[Positive Jams]

Beinahe könnte „Open Door Policy“ eine Sammlung Solosongs der einzelnen Bandmitglieder von The Hold Steady sein. Glückliche Bierseligkeit, Hymnen und Euphorie sucht man hier jedenfalls vergeblich. Wie auch, bei den globalen ungünstigen Rahmenbedingungen, möchte man fragen. Eine Band, für die das Touren einen guten Teil der DNA ausmacht, muss vielleicht auch einfach neue Wege gehen, um nicht vollends verrückt zu werden. Dass „Open Door Policy“ viel mehr ist als einzelne Songs, wird dann doch sehr schnell klar. Es ist ein Abend in einer Bar mit alten Freunden, gezwungenermaßen sehr intim und schonungslos aufrichtig. (Felix Lammert-Siepmann)


20

Claire Rousay

a softer focus

[American Dreams]

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Claire Rousays Musik in den letzten eineinhalb Pandemiejahren so viele neue Hörer*innen gefunden hat. Seit sich die Welt von Lockdown zu Lockdown schleppt und sich das Leben zu großen Teilen ins Digitale verlagert hat, entwickeln ihre Field Recordings – das Klackern und Rascheln physischer Gegenstände, scheinbar willkürlich ausgewählte Gesprächsfetzen – eine größere emotionale Wucht. „A Softer Focus“ bildet den Höhepunkt einer Transformation des musikalischen Stils der Komponistin und Perkussionistin aus San Antonio, Texas: Von den frühen Improvisationen am Schlagzeug zu abstrakten Soundcollagen und Musique concrète, zu Experimenten mit melodischen und harmonischen Elementen sowie verfremdeten (Gesangs-)Stimmen. Wenn in „Peak Chroma“ Rousays Autotune-Gesang auf Lia Kohls Cello trifft, scheint die neunminütige Komposition kurz in einen konventionellen Song zu kippen. Doch so plötzlich, wie sie auftauchen, verschwinden diese Momente auf „A Softer Focus“ wieder – und gerade das macht sie so kostbar. (Daniel Welsch)


19

Japanese Breakfast

Jubilee

[Dead Oceans]

”Jubilee” kommt nicht nur im übertragenen Sinne anmarschiert, über Wirbeltrommeln und Blechbläsern singt Michelle Zauner im prachtvoll eröffenden “Paprika” vom Rausch des Musikmachens selbst. Wie im Funk des folgenden “Be Sweet” zeigt sich ihr Sound in einer bislang ungekannten Fülle und Farbfreude, ohne die emotionalen Täler zuzubetonieren wenn “Oh, it’s a rush” gefolgt wird von “But alone, it feels like dying/
All alone, I feel so much”. Denn ja, die Synthesizer geben ihrem melancholischen Pop neue Anstriche, doch bei aller Glätte ist Japanese Breakfasts drittes Album im Sound vielschichtig wie noch nie, sei es in “Slide Tackles” fein gewobenen Texturen zu schlanker Funkgitarre und Saxophon oder den dronigen Ambient-Hallräumen von “Posing In Bondage”. Die Schmerzen der Vergangenheit sind nicht ausradierbar, aber den Ton gibt auf “Jubilee” die Lebenslust an. (Uli Eulenbruch)


18

The War On Drugs

I Don’t Live Here Anymore

[Atlantic]

The War On Drugs sind so etwas wie das Aushängeschild des Psychedelic Rock. Bandleader Adam Granduciel entwickelt den Klang mit jeder Platte behutsam weiter, ohne dabei seinen Wiedererkennungswert zu gefährden. Auf „I Don’t Live Here Anymore“ wurden noch mal eine ordentliche Portion Americana und einige Synthie-Sequencer („Victim“) beigemischt. So ist eine weitere zeitlose Platte entstanden, die nostalgisch bis verträumt auch über den tiefsten Abgrund eine Brücke bauen kann. (Benedict Weskott)


17

Dry Cleaning

New Long Leg

[4AD]

War die neuere Post-Punk-Szene Großbritanniens zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung bislang eher männlich dominiert, so dürfte sich das im abgelaufenen Jahr auch dank Dry Cleaning nachhaltig geändert haben. Neben den großartig zockelnden Gitarren ist es vor allem Florence Shaws repetitiver Sprechgesang, der „New Long Leg“ so sympathisch macht. Stets mit mehr als einem zwinkernden Auge müsste man vermutlich bis zu Courtney Barnetts Debüt zurückgehen, um diese Art trockenen Humors auf Albumlänge finden zu können. Brilliant: In den ausufernden siebeneinhalb Minuten zwischen Post-Rock und Funk zeigt der Abschlusstrack „Every Day Carry“ schon einmal einen möglichen Sound für die Zukunft auf. (Felix Lammert-Siepmann)


16

Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra

Promises

[Luaka Bop]

Mit erstaunlich unprätentiösen Mitteln erschufen Floating Points und Saxophon-Legende Pharoah Sanders eines der unerwartetsten Alben des Jahres. Das gleichzeitig zurückhaltende und unglaublich einnehmende Leitmotiv wird über die neun Movements hinweg im Detail immer wieder angepasst und behutsam umgetopft. Selbst nach dem klaren Höhepunkt, “Movement 6”, verlässt diese unwahrscheinliche Begegnung ihren Pfad nicht. So hält „Promises“ auch zu jeder Zeit die Balance zwischen den Protagonisten. Kaum scheinen die Eno-esken Ambientteppiche Überhand zu nehmen, pirscht sich Sanders, notfalls mit dem Orchester im Rücken, an und stellt den für das Album so maßgeblichen Ausgleich wieder her – und umgekehrt. (Felix Lammert-Siepmann)

Aus Gründen ein wenig später als üblich, aber in altgewohnter Qualitätsauswahl führen wir nun das zurückliegende Jahr zum krönenden Abschluss: Heute krönen wir unsere 25 Albumhighlights aus 2021.

In ihnen sehen sich gewiss auch die letzten beiden Jahre COVID reflektiert und alles, was diese mit sich brachten, deutlich wird aber auch, dass es so etwas wie einen „Sound der COVID-Ära“ per se nicht gibt. Musik ist weiterhin, was Mensch daraus macht und kann klingen wie … nun ja, unter anderem so:


15

Parannoul

파란노을 – To See The Next Part Of The Dream

[Longinus]

Ein strahlendblaues Cover mit einem Schornstein – wie ein Still aus “Neon Genesis Evangelion” tauchte im Mai bei Bandcamp auf, nichts deutete auf die Musik oder den Musiker dahinter hin. Es war auf einmal da, wie eine magische Einladung. Wenig ist herauszubekommen über den Musiker hinter diesem Projekt. Soviel scheint sicher: Es ist keine Band und Parannoul kommt aus Südkorea. “To See the Next Part Of The Dream” ist wohl in seinem Wohnzimmer entstanden, als Auseinandersetzung mit Kindheitserinnerungen und dem Heranwachsen. Und noch etwas ist sicher in der Welt von Parannoul: Der blaue Himmel ist eben nicht immer blau. Stilistisch ist “To See the Next Part Of The Dream” ein mitreißender Mix aus Shoegaze, Post-Rock und manchmal der Musik von Sadness gar nicht so unähnlich. Mitreißend, traurig und einfach nur wunderschön. Danke dafür! (Mark-Oliver Schröder)


14

Lil Ugly Mane

VOLCANIC BIRD ENEMY AND THE VOICED CONCERN

Wer ist Lil Ugly Mane – und wenn ja, wie viele? Eigentlich sollte man sich 2021 die Precht-Witze lieber sparen, aber hier passt es zu gut. Nicht umsonst startet das Comebackalbum des Internetphänomens Lil Ugly Mane mit einem endlos wiederholten „Who are you?“. Aliasse hatte Travis Miller schon immer unübersichtlich viele (Vudmurk, Bedwetter oder Shawn Kemp), aber bisher konnte man sich zumindest sicher sein, dass der Name Lil Ugly Mane (zumindest im weitesten Sinne) für Rap steht. Doch statt Horrorcore wie auf dem Untergrund-Klassiker „Mista Thug Isolation“ 2012 oder depressivem Emorap wie auf dem letzten Album „Oblivion Access“ 2015 braut Lil Ugly Mane auf „Volcanic Bird Enemy And The Voiced Concern“ aus unzähligen Samples psychedelischen Indierock und zynisch-distanzierten Postpunk zusammen. Das klingt eher nach Beck oder The Avalanches als nach Three 6 Mafia – aber vor allem klingt es sehr gut. Die kurze Sendepause hat dem Tausendsassa Miller gutgetan, die 19 Songs seines Albums schäumen über vor Details und Ideenreichtum. (Daniel Welsch)


13

Wiki

Half God

[Wikset Enterprise]

„Yo, this one’s for New York“, ruft Patrick Morales im Intro der Anti-Gentrifizierungs-Hymne „The Business“, dabei hätte es dieser Erklärung gar nicht bedurft. Egal ob als Teil der Rap-Crew Ratking oder solo, Wikis Musik war schon immer Musik über und für New York. Doch auch wenn „Wiki“ draufsteht und es das – sorry für das Klischee – persönlichste Album des 28-Jährigen ist, handelt es sich bei „Half God“ eigentlich um das Werk eines Duos. Denn Navy Blue hat alle Instrumentals für die 16 Songs des Albums produziert, und nicht obwohl, sondern gerade weil er sich zurücknimmt und Wiki die Bühne überlässt, gebührt ihm viel Respekt. Wenn er die Drums ganz rausnimmt oder die staubigen Loops bis zum Nötigsten reduziert, erinnert das wie bei „Drug Supplier“ an den Sound von Ka, dem anderen New Yorker Chronisten. Patrick Morales nutzt diese karge Bühne für viel Storytelling, aber auch wortgewandtes Shittalking. Und für alle, die ihren New Yorker Rap gerne noch rumpeliger und schlingernder mögen, hat Wiki in diesem Jahr mit dem Produzenten NAH die ebenfalls sehr gute Kollabo „Telephonebooth“ aufgenommen. (Daniel Welsch)


12

The Armed

ULTRAPOP

[Sargent House]

Ist „ULTRAPOP“ die Steigerung von Hyperpop? Zumindest scheint zwischen dem Kollektiv aus Detroit, Michigan und den Digicore-Vertreter*innen Einigkeit darüber zu herrschen, dass Genregrenzen nur was für Langweiler*innen sind – und Gegensätze sich anziehen. Die Wucht des Hardcore trifft auf dem dritten Album von The Armed ganz selbstverständlich auf sanfte Dreampop-Vocals, die Komplexität von Mathrock auf die Melodieverliebtheit des Pop-Punk. Seit Pisse hat keine Band die Musikpresse auf so unterhaltsame Weise an der Nase herumgeführt, deshalb gehört das Rätselraten, wer eigentlich wirklich hinter dem Kollektiv steckt und welche Szene-Größen an „ULTRAPOP“ beteiligt waren, zum Spaß dazu. Doch diese Überlegungen sind zweitrangig, sobald der Titelsong den 40-minütigen Hardcore-Metal-Synthpop-Industrial-Wahnsinn von „ULTRAPOP“ eröffnet. Trotz ihrer Liebe für Pranks meinen The Armed das Wörtchen „Pop“ im Titel durchaus ernst: Songs wie „ALL FUTURES“, „AN ITERATION“ und „AVERAGE DEATH“ sind bei allem Lärm und Chaos vor allem catchy Hits. (Daniel Welsch)


11

Ja, Panik

Die Gruppe

[Bureau B]

„Drinnen ich/ Draußen nichts.“ Auch wenn der Song „On Livestream“ schon vor der Pandemie geschrieben wurde, haben Ja, Panik damit die Vereinzelung vor den Displays musikalisch perfekt eingefangen. Auch das Ende nimmt „Die Gruppe“ schon vorweg: An den grundsätzlichen Verhältnissen wird selbst der weltweite COVID-19-Ausbruch nichts ändern, „Apocalypse Or Revolution“ bleiben beide aus, vorerst versucht man es wieder mit der schon aus „DMD KIU LIDT“ bekannten Formel: „The only cure from capitalism/ Is more/ More more/ More capitalism.“ Vor sieben Jahren klangen Ja, Panik noch optimistischer, tanzten mit ihrem letzten Album „Libertatia“ Richtung Utopie. „Die Gruppe“ ist nun der verkaterte Morgen nach der Disco-Sause, langsam und schwer fließt der Synthesizer-Nebel durch die elf Songs. Manchmal taucht in den Nebelschwaden das Saxofon von Rabea Erradi für eine kurze Eruption auf, doch im Zentrum stehen Andreas Spechtls deutsch-englische Beobachtungen. (Daniel Welsch)


10

Jazmine Sullivan

Heaux Tales

[RCA]

Jazmine Sullivans letztes großes Album “Reality Show” war voll auf sie selbst und ihre Position in der Welt gerichtet. Mit “Heaux Tales” erweitert sich nun ihr Blick auf alle Frauen, vor allem aber afroamerikanische, und deren Bedürfnisse, Sorgen und Begehren zwischen Selbstbild, ökonomischem und gesellschaftlichem Status und Sex. Ohne die Hochtempo-Höhenflüge des 2015er Vorgängers geht ihr R&B zwischen wattigen Synths- und wohnzimmerwarm gedimmten Saitenklängen soulig in die Vollen, stimmlich und melodisch prachtvoll in “Pick Up Your Feelings” oder “The Other Side” und seltener auch schwelend wie in “Pricetags”. Es ist weder in Struktur noch Länge ein typisches Album – ohne die Erfahrungsberichte zwischen den Songs nicht einmal eine halbe Stunde – aber in seiner therapeutisch-kathartischen Wirkung ein unverkennbar großes Gesamtwerk. (Uli Eulenbruch)


9

Torres

Thirstier

[Merge]

Seit zwei Alben arbeitet Mackenzie Scott an der Entverkomplizierung ihrer Musik. Auf „Three Futures“ war 2017 noch alles furchtbar vertrackt: Die Gitarren klangen nicht mehr nach Gitarren, die Songs wie dekonstruierte Rockmusik – und auch die Geschlechterrollen und Identitäten waren mächtig durcheinandergeraten. Auf „Silver Tongue“ schimmerte im letzten Jahr schon ein ungewohnter Optimismus durch, dennoch kommt Torres‘ Wandlung auf „Thirstier“ ein wenig überraschend: Das fünfte Album der 30-Jährigen steckt voller euphorischer Liebeslieder, die große Gefühle in noch größere Mitsing-Refrains packen. Eingängiger Grunge-Pop fürs Stadion, der textlich aber lieber in den eigenen vier Wänden bleibt. Wer glaubt, dass große Kunst nur aus Leid entsteht, hat noch nicht gesehen, wie Mackenzie Scott im Musikvideo zu „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“ ihrer Frau Jenna Gribbon im gemeinsamen Badezimmer mit Zahnbürste als Mikro den Refrain entgegenschmettert. Auch die bildende Künstlerin Gribbon hat die Beziehung in ihren Gemälden festgehalten. Eine Liebe als audio-visuelles Gesamtkunstwerk. (Daniel Welsch)


8

Bicep

Isles

[Ninja Tune]

Epische House-Banger sind seit dem Clubhit „Glue“ das Markenzeichen des Duos Bicep aus Belfast. Mit „Isles“ legten sie gleich zu Beginn des Jahres mitten im Lockdown zehn hochkarätige Tracks für die Clubnacht zuhause nach. Darauf sampeln und loopen sich Bicep durch vergangene Jahrzehnte und vermischen Musik aus verschiedensten Ecken der Welt. Zwischen „Atlas“ und „Hawk“ entspannen sich so Klangwelten voller tiefgründiger Beats, Ohrwurmloops und Bassläufe, die es in sich haben. Immersive Musik zum Tanzen und Nachdenken. (Benedict Weskott)


7

Little Simz

Sometime I Might Be Introvert

[Age101]

Little Simz – Sometimes I Might Be Introvert
Hatte diesen Stilwechsel irgendwer kommen sehen? Little Simz ließ mit „Sometimes I Might Be Introvert“ den Duktus des Vorgängers „GREY Area“ größtenteils hinter sich – ohne den flüchtigsten Blick in den Rückspiegel. Mit Orchester, Chören, groß aufgezogenen Musikvideos und Fanfaren wirkt die Platte statt introvertiert erst mal vor allem: opulent. In 15 Tracks und 4 Interludes legt die britische Rapperin eine Vielseitigkeit an den Tag, die Münder offen stehen lässt. „Sometimes I Might Be Introvert“ ist ein lyrisches, musikalisches und technisches Meisterinnenwerk. (Benedict Weskott)


6

L’Rain

Fatigue

[Mexican Summer]

Dieser halbstündige Trip hat es in sich. Stets mit einem Fuß in der Nebenwelt, lässt L’Rains zweites Album nach der Ausfahrt “Psych-R&B” sinnvolle Bezeichnungen hinter sich und entfaltet einen rhythmisch wie klanglich versch(r)obenen Sog. Zwischen Sample-Intermezzi baut die New Yorkerin zirkulierende Gitarren- oder Keyboardminiaturen auf, stürzt cherubische Gesänge einen Noisewasserfall herunter und macht die Desorientierung mit synkopiertem Gesangs-Stampf perfekt. Wie das alles gleichzeitig so einladend wirkt, ist der große Zauber dieses Werks. (Uli Eulenbruch)

Aus Gründen ein wenig später als üblich, aber in altgewohnter Qualitätsauswahl führen wir nun das zurückliegende Jahr zum krönenden Abschluss: Heute krönen wir unsere 25 Albumhighlights aus 2021.

In ihnen sehen sich gewiss auch die letzten beiden Jahre COVID reflektiert und alles, was diese mit sich brachten, deutlich wird aber auch, dass es so etwas wie einen „Sound der COVID-Ära“ per se nicht gibt. Musik ist weiterhin, was Mensch daraus macht und kann klingen wie … nun ja, unter anderem so:


5

Turnstile

GLOW ON

[Roadrunner]

Der Anspruch, Rockmusik wieder Fun machen zu wollen, erschöpft sich bei so einigen Bands in veraltertem Humor, Sauf- und Feierbekundungen. Für ihr ihr drittes Album haben Turnstile sich freilich erst mal ein paar Mitsingrefrains und effetvolle Akkorde aufgereiht, das Ganze dann aber mit einer bunten Mischung an Feuerwerkskörpern hochgejagt (im metaphorischen Sinne ist das ja erlaubt). So erinnern sie sicher nicht zum ersten Mal an Snapcase, aber auch populärere Rockbands der 90er, wenn die Gitarren in alle Richtungen verzerrt und gebogen werden, Songs verspielte Samba- und Space-Rock-Einlagen oder radikale Tempowechsel vollziehen. Mal abgesehen davon, dass “GLOW ON” nicht optimistisch nach vorne blickt, ohne der Hinterbliebenen zu gedenken, kommt der Spaß bei Turnstile vor allem vom Spiel mit der Form des Punk. (Uli Eulenbruch)

4

Erika de Casier

Sensational

[4AD]

Nachdem schon ihr Debüt “Essentials” vor zwei Jahren ein kleines R&B-Pop-Wunderwerk war, ist das größte Wunder, dass Erika De Casier ein noch sensationelleres Album geschaffen hat. Dabei fährt der Sound der Schwedin alles andere als großspurig auf, zwischen der sinnlichen Glätte von Quiet storm und Aaliyah singt sie gefühlsintensiv, aber stimmlich reduziert halb hauchend/halb singend. So geht es auf Melodien, die sich sanft ins Gedächtnis wurmen, denn auch mehr darum, das große Drama und Herzensbrüche zu vermeiden. Es sind Songs darüber, sich von arroganten oder unfreundlichen Arschlöchern fernzuhalten, Verknalltheit nicht mit der großen Liebe zu verwechseln und vielleicht nur “Someone To Chill With” zu finden. (Uli Eulenbruch)


3

Arab Strap

As Days Get Dark

[Rock Action]

Das Übellaunige war bei Arab Strap noch nie Mittel zum Zweck, sondern seit Bandgründung eine der Hauptsäulen im Leben von Aidan Moffat und Malcolm Middleton. Das galt für das letzte Album vor geschlagenen 16 Jahren und das gilt mehr denn je für „As Days Get Dark“. Fast überflüssig zu erwähnen, dass der Albumtitel da Programm ist. Etliche existentielle Fragestellungen werden auf dem schlammigen und kräftezehrenden Weg von Falkirk nach Glasgow verhandelt, von denen eine ausgesprochene Midlifecrisis noch die harmloseste ist. Bei Alkoholismus, Existenz- und Versagensängsten fühlt sich jedes Wort an wie ein Schlag in die Magengrube. (Felix Lammert-Siepmann)


2

Cassandra Jenkins

An Overview On Phenomenal Nature

[Ba Da Bing!]

Bei allen Zumutungen, die 2021 uns allen abverlangt hat, war dieses Jahr dennoch ein sehr gutes für neue Musik. Und eine der größten Überraschungen war „An Overview on Phenomenal Nature“ von Cassandra Jenkins. Warum? Jenkins nimmt uns mit ihrem Songwriting mit einer Leichtigkeit mit auf eine Tour durch menschliche Befindlichkeiten, die mich beinahe kalt erwischt hat. Sie singt von flüchtigen Begegnungen, die dennoch Eindruck bei ihr hinterlassen haben, von den Abgründen, die der Tod bereithält, aber auch von nahezu surrealen, transzendenten Erlebnissen auf einer Party mit einem, der die Atemtechnik bereithält, um ihr Herz wieder ganz zu machen. (Mark-Oliver Schröder)


1

Low

HEY WHAT

[Sub Pop]

Wo anfangen bei Low? Die Band aus Duluth, Minnesota ist seit beinahe 30(!) Jahren dabei. Im Laufe dieser Zeit haben Alan Sparhawk (Gitarre und Gesang) und Mimi Parker (Schlagzeug und Gesang) einen in meinen Augen atemberaubenden Weg vom Slowcore der Anfangsjahre zum Jetztzustand hingelegt, der mit “Slowcore” nur mehr als unzureichend beschrieben werden kann. Zusammen mit dem Produzenten BJ Burten haben sie seit dem letzten Album „Double Negative“ einen Twist hingelegt, der so nicht zu erwarten war und der mit „HEY WHAT“ seinen bisherigen krönenden Abschluss findet. Dabei bleibt ihr Ausgangsmaterial das ihrer Instrumente, dieses wird aber fast bis zur Unkenntlichkeit überarbeitet, zerhackt, komprimiert und prozessiert, heraus kommen Songs an der Grenze zum Noise und Drone und über allem kreist Sparhawks und Parkers glasklarer Harmoniegesang, der „HEY WHAT“ bei aller ausgestellten Sperrigkeit so vertraut und zugänglich macht.  (Mark-Oliver Schröder)

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