SamphaProcess

Sampha Sisay bewegt sich schon lange nicht mehr in den Sphären eines Newcomers. Während manch andere Künstler*innen am laufenden Band neue Musik veröffentlichen, lässt er sich Zeit. Nach den EPs „Sundanza“ (2010) und „Dual“ (2013) folgt nun, fast sieben Jahre nach seinem offiziellem In-Erscheinung-Treten, der erste Longplayer – doch stellt „Process“ nur die Spitze des Eisberges dar und lässt „Zeit“ relativ erscheinen. Seit Jahren macht sich Sampha als Songschreiber, Produzent und Co-Singer in Zusammenarbeit mit SBTRKT, Jessie Ware, Solange oder Drake einen Namen. Nun erlaubt es „Process“, dem Künstler die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient hat, ohne dabei nur als Musiker unter seinesgleichen wahrgenommen zu werden. In voller Albumlänge breitet sich das warme und abwechslungsreiche Universum des Briten aus, ohne in eine Kitsch-Falle zu geraten.

„Process“ offeriert eine Vielfalt an verschiedenen Stimmungen, die stark von Samphas rauem Falsett getragen sind. Der besonders facettenreiche Gesang ist das Herzstück dieses Albums, welches produktionstechnisch neben elektronischer Eleganz („Plastic 100°C“) auch simple Songs aufweist: So ist „(No One Knows Me) Like The Piano“ eine klassische Ein-Mann-Show am Klavier. Reinheit in ihrer puren, nicht überladenen Form innerhalb einer sentimentalen Pop-Ballade zu finden, ist oft schwierig. Doch dieser Song ist großes Kino und kommt ganz ohne schmonzettenartiges Gehabe aus. Sampha hat ein Gespür dafür, seine emotionale Stimme und das Klavier so im Raum zu platzieren, dass sie sich wie ein Liebespaar harmonisch, sich gegenseitig stützend aneinander schmiegen – eine liebevolle Umarmung, die Gänsehaut erzeugt.

Dabei ist sowieso das Klavier Samphas wichtigster Freund, auch wenn es neben den elektronischen Spielereien nicht immer im Fokus steht. So beginnt „Take Me Inside“ erneut mit einem Duett aus leicht leierndem Klavier und Gesang, bis sich der Song mit feinen elektronischen Arpeggios aufbaut und einen Hauch Futurismus addiert. Er mündet in den nächtlich anmutenden, neo-souligen Track „Reverse Faults“, der im Refrain mit gelassenen Trap-Elementen spielt. In dieser Hinsicht ist „Process“ auf jeden Fall tanzbar oder regt immerhin dazu an, bei gleichzeitig starkem Verweis auf die Kollaborationen mit SBTRKT.

Sampha hat ein solides, wenn auch rundum schönes Album geschaffen, welches allemal seinem musikalischen Können gerecht wird und zeigt, dass er aus dem Schatten seiner Kollaborationen treten kann und sollte. Die elektronischen Einflüsse immer noch aktueller neo-/post-Strömungen sind unverkennbar zu hören, doch gerade die persönliche Tiefe, wenn er den Tod seiner Mutter verarbeitet, macht das Debüt in Kombination mit seinem feinen Songwriting zu einem intensiven Stück Musik.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum