Villoria BlueVespers
| Tweet |
Label:
Night-People
VÖ:
25.11.2016
Referenzen:
Beach House, Maria Minerva, The White Noise, Pure Bathing Culture, Roosevelt
|
|
Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Eckstein, Eckstein, alles muss perfekt sein! Mit der richtigen Software kein Problem: Jeder Beat lässt sich milimetergenau quantifizieren, jedes einmal eingespielte oder -programmierte Motiv beliebig oft sequenzieren, Samples maßstabsgetreu auf die passende Länge dehnen oder stauchen, selbst die wackeligste Vocal- und Instrumental-Performance per nachträglicher Pitchkorrektur auf die harmonische Frequenz angleichen. Was in der Musikproduktion nicht passt, wird passend gemacht.
Woher rührt dann aber dieser seltsame Zauber, den ein Album wie „Vespers“ heraufzubeschwören weiß? Wo in einem Song wie „You, Cathedral“ eben nicht alles genau in, sondern ein wenig neben der Spur liegt? Es scheint fast schlampiger Fahrlässigkeit erwachsen, wie diese eigentlich wundervoll säuselnde Melodie unter schlummerigen Dämmersynth- und Tremologitarren-Kaskaden jeden Beat ganz knapp verfehlt, wie auch die raunenden Vocalsilben nur gelegentlich das rhythmische Muster treffen. Wo die Maschinendrum vorprogrammiert und das Keyboardmotiv mindestens einmal von Hand eingespielt ist, ließe sich solch eine Diskrepanz leicht beheben – der Rest des Albums legt jedoch näher, dass Villoria Blue solche Impräzision gezielt erwirken.
Das Duo aus Jeff Lane und Lesley Dixon macht vor allem auf der zweiten Hälfte seines Debüts deutlich, dass ihm Wirkung wichtiger ist als strenge Formatkonvention. Die unheilvoll aufbrausende Instrumental-Miniatur „Moonlit Walk“ bereitet den Weg für den Elfminüter „Museum“, der zu Beginn eine handelsübliche Nostalgie-Horror-Synthblubberei andeutet, nur um sich auf einen abstrakteren Drone- und Arpeggio-Drift aufzumachen, als würde dort ein Seidentuch vorsichtig durch eine Grube voller schnappbereiter Mausefallen ziehen.
Ähnlich umnachtete Klangmomenten werfen auch die übrigen Songs wie „White Horse“ auf, nicht nur durch Dixons leicht distanzierten Gesang sind sie aber wieder melodiöser Atmosphären-Pop. Besonders intensiv flammt die wundervolle Glimmerharmonie im Refrain von „Soaked In My Lungs“ um knarzend oszillierende Strophen auf, sie tänzelt wie Glühwürmchen, die nachts am Rand eines Sumpftümpels dessen gefährlich zupackende Tiefen verharmlosen. Auch hier wieder missachten Villoria Blue manch ein Ticken des Metronoms, verzerren das Raum- und Zeitempfinden mit Tonläufen neben der Spur und Taktgrenzen überdehnende Klangdoppelungen. Lieber solch ein impräzises Kleinod als einfach nur perfekt.


