AlcestKodama
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Label:
Prophecy Productions
VÖ:
30.09.2016
Referenzen:
Woods of Desolation, Lantlôs, Ghost Bath, Amesoeurs, Peste Noire
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
„Shelter“ war ein schwieriges Album. Dem firnisüberkrusteten Black Metal in aufreizender Form entsagend, ließen Neige und Winterhalter darauf gleißendes Licht folgen. Dass dies nicht jedem gefiel, könnte auf der Hand liegen, hatte das französische Duo zuvor doch mit schwereloser Melancholie überzeugt, die sich vor allem auf den Meisterwerken „Souvenirs D’Un Autre Monde“ und „Le Voyage De L’Âme“ in varietätenreicher Form entdecken ließ.
„Kodama“ wagt den Zwiespalt und gewinnt im Vergleich zum Vorgänger auf ganzer Linie. Der Schritt ins Helle ist vergessen, Alcest pendeln zwischen wankelmütiger Zerrissenheit und entschlossenem Mut. Genau hier liegt die Stärke des Albums, das sich thematisch um die japanischen Anime-Figuren in Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“ bewegt. Schon der Albumtitel „Kodama“ verspricht die bewusste Orientierungslosigkeit, bedeutet er doch je nach Auslegung „Echo“ oder „Baumgeist“. Mit dem eröffnenden Titelstück fahren Alcest das auf, was man erwartet: vibrierende Steigerungsmomente, die in windige Klangtäler drängen; Neiges Stimme, die beim Versuch, sie über das tonale Meer zu erheben, ins Niemandsland fährt; stetig an- und absteigende Spannung, die wie Wellen über den Sound hinüberschwappt. Vermummte Chöre verdingen sich zu Statisten, bis dann schließlich im summenden Gebrüll die erste Schwerelosigkeit auftritt.
Deutlich druckvoller und erheblicher näher an den albtraumwandlerischen Sequenzen der frühen Werke bewegt sich „Eclosion“ nach seinem überraschend zutraulichen Intro dem Abgrund entgegen. Zwischenzeitliche Blastbeats und das hohle Schreien Neiges lassen das Stück brutal und nihilistisch erscheinen, allein die pendelnden und irisierenden Gitarrenfiguren holen es zurück ins Jenseits. Alcest überzeugen nach wie vor am ehesten, wenn sich die Gesangssequenzen Neiges und die instrumentale Wucht zu vereinigen scheinen. Das gelingt auf „Kodama“ vor allem im herausragenden „Je Suis D’Ailleurs“, das trotz der halsbrecherischen Schlagwerk-Attacken Winterhalters seine Ruhepausen einhält. Zuweilen minutenlang halten beide eine schier unerträgliche Spannung, erzeugen Gefühlsmanifestationen, deren gewaltige Eruptionen nur Zwischenziele zu sein scheinen. Auf solche Glücksmomente folgen auch tiefe Resignationsempfindungen – das tonlos im Gitarrenregen versinkende „Untouched“ schafft es nicht ganz, die zuvor aufgebaute Energie für sich zu nutzen. Doch genau hier liegt die Kraft des Albums. Weder Neige noch Winterhalter scheuen sich davor, diese Ruhepausen einzugehen, die „Kodama“ genau dafür braucht, um sich aufzurichten und die nächste Aufbegehr zu wagen.
Mit „Oiseaux De Proie“ lassen sich Alcest erneut in den Orkus hinab, der Metal-Anteil bekommt seine größte Bewährungsprobe. Die instrumentalen Flächen werden durchbrochen, die Perkussivität nimmt zu, immer wieder wirkt Neige so sehr von seiner Zerrissenheit durchbohrt, dass er zu jeder fühlbaren Gefühlsregung der Welt im Stande sei. Dazu bauen die Musiker den Song immer wieder von Neuem auf, eher er dann in das das beschließende „Onyx“ mündet.
Ein sich stetig an der Tag- und Nachtgrenze orientierendes Album, dessen japanischer Einfluss nur unterschwellig und, wenn überhaupt, nur mit seiner bildhaften Unterstützung zum Tragen kommt, ist „Kodama“ geworden. Ein versöhnlicher Erneuerer, Wiederbringer, Erinnerer und Wegbereiter, der es sich unbequem, aber mit Recht zwischen allen Stühlen bequem gemacht hat.


