
„Skeleton Tree“ entblößt Nick Cave. Das gemeinsam mit dem Film „One More Time With Feeling“ veröffentliche Album lässt den Australier verletzlicher und lebensversehrter erscheinen als noch zuletzt „Push The Sky Away“. Die Themen sind geschwärzt, die Stimmung bringt die Gefühlsekliptik ins Schwanken. Die Allgegenwärtigkeit des tragischen Todes seines Sohns ist dabei fühlbar, doch geht Cave weit über ertragbare Trauerarbeit hinaus.
Man merkt „Skeleton Tree“ die Schwierigkeit an, diesen Zwiespalt zu meistern. Brüchig und zerrissen sinniert Cave über Erlebtes und Gelebtes, Begebenheiten und Erinnerungen schwirren bedächtig herbei und lassen den Musiker vor allem zu Beginn unsagbar zerissen auftreten. Wabernde Drones des stetigen Begleiters und musikalischen Direktors Warren Ellis lösen bereits in den ersten Momenten von „Jesus Alone“ eine sonderbare Beklommenheit aus. Predigen kann Cave, Klagelieder nicht minder, doch hier stellt er den schwärzesten Moment seines bisherigen Lebens mit immenser Körperlichkeit heraus. Kein Bedauern, vielmehr ein Sich-Herauslösen aus Trauer und Sorge, aus Verletzlichkeit und Angst. Doch auch ein Trost, ein Hoffen und Wähnen, dass das lebhaftere „Rings Of Saturn“ aufnimmt. Hier wird „Skeleton Tree“ mehr und mehr zur Musik des Lebens. Die dunklen Klangflächen bekommen lichte Momente, deren Energie aber im darauf folgenden „Girl In Amber“ bereits verflogen scheint.
Cave reiht hier nahezu tonlos Wort an Wort, bis er eine erste kurze Losung beschwört: „And if you want to leave, don’t breathe a word/ And let the world turn“. Der bleiche Chor bestärkt den resignativen Unterton, den Cave über die volle Albumlänge hinweg nie ganz zu verlieren scheint. Die Liebe als allgegenwärtige Macht umfängt das grandiose „Magneto“, das er mit unerwartet fester Stimme eröffnet. Die Musik tritt fast komplett in den Hintergrund, selbst die flüchtigen Klavierakkorde verblassen gegenüber Caves erwachsender Stärke, die Melodien verlieren sich zu unkenntlichen Fragmenten im Niemandsland. Dass „Skeleton Tree“ dennoch nicht mit Detailreichtum geizt, ist ohne Frage Ellis zu verdanken. Mit sicherer Hand lässt er kurze Pulsschläge erzittern, die eine Art Rhythmik anreißen. In „Anthrocene“ bebt Cave über rüttelnder Perkussion und quälendem Geheul, im folgenden „I Need You“ unterbauen Orgelklänge den erstarkten Cave in seiner Sehnsucht, seinem Verzehr, seiner Liebe. Beschwörend eröffnet er mit „When you’re feeling like a lover nothing really matters anymore“ und lässt in seiner stetigen Wiederholung keinen Zweifel an Begehr und Verlangen aufkommen.
Wie weit Cave uns mit in sein innerstes Ich mitnimmt, lässt nichts so sehr erahnen wie das anschließende „Distant Sky“ in Verbindung mit dem Titelsong, der „Skeleton Tree“ tröstlich und tränenverhangen zugleich beschließt. Wenn die dänische Sopranistin Else Trop anhebt und nach den Sternen zu greifen scheint („Let us go now, my darling companion, set out for the distant skies“) ist das schon kaum noch zu ertragen, doch Cave gönnt keinen Moment an Schonung und antwortet mit der brüchigen Inbrunst eines Vaters: „They told us our gods would outlive us/ They told us our dreams would outlive us/ They told us our gods would outlive us/ But they lied“. Mag sein, dass dieser Gefühlsausbruch fremdartig erscheint, doch genau in dieser süßen Sehnsucht spiegeln sich Angst, Wut und Trost in ihrer komprimiertesten Form wider. Während die letzte Note noch die Erschütterung in Caves Herzen spüren lässt, strebt er mit den letzten Momenten des Titelsongs aber bereits der Sphäre des Allumfassenden entgegen: „and it’s alright“.