„Say the right words and pick up the prescription/ Can’t shake the feeling that I lost something precious/ My heart’s finally fixed/ But I can’t feel the difference.“ Es grenzt fast an Sadismus, wie Cymbals Eat Guitars mit jedem Album millimetergenauer den Finger auf die Wunde – und gelegentlich hinein – legen. Trotz solcher Tiefpunkte ist nach dem depressiven Loch von „LOSE“ auf Album Nummer vier deutlich mehr Licht im Leben von Sänger Joseph D’Agostino: „Pretty Years“ findet unter Widerungen auch Lebenswertes am Leben.

Darin ist er in doppelter Hinsicht nicht mehr allein. Seine Mitspieler, die nach und nach im Anschluss an „Lenses Alien“ zur neuen Bandbesetzung wurden, sind erstmals am Songwriting mitbeteiligt. In seinem Privatleben abseits davon hat D’Agostino derweil die Liebe und ein wenig auch den Glauben daran gefunden: „Find myself believing in the mystery/ Can’t believe the shit that we were promised/ Really might exist.“ Dissonantes, zwitscherndes Aufheulen, ein auffällig lautes Schlagholz von links und D’Agostinos Stimme, die mit der Leadgitarre zusammen durch einen Flangereffekt verwabert: So klingt Cymbals Eat Guitars’ Vorstellung des Kuschelrock.

Weniger klanggeschmückt, dafür in umso dichter grummelndem Verzerrermorast ist im Albumszentrum „4th Of July, Philadelphia (SANDY)“ die Momentaufnahme eines schockierenden Gewalterlebnisses auf einer Tour 2015. Kurzzeitig löst der Schock D’Agostino aus der emotionalen Starre seiner Depression, die er wie auch eine nervös Anspannung in anderen Songs mit Pharmazeutika zu lindern versucht. Dabei springt er immer wieder von schwungvoll bildlichen Impressionen seiner Umwelt („His eyes are X’s and his head’s out the window/ When he rolls right over some family’s Roman candle“) in sein gedankliches Inneres („How many universes/ Am I alive and dead in?“) und urplötzlich wieder zurück ins Geschehen („And then the bat hit Bo’s head“).

Gleichermaßen springt „Pretty Years“ von Song zu Song durch Zeit und Stimmungslagen, von einem Kindheitstraum in „Mallwalking“ zur jugendlichen Depression von „Well“ und in Nähe der Gegenwart bei „Shrine“, wo anscheinend nur Drogen neue Erlebnisse so eindrucksvoll wirken lassen wie früher. Das Vernebeln und Aufklaren spiegeln sich im kunstvoll zerknitterten Sound des Albums wieder, wo die Band mit Produzent John Congleton einen kraftvollen Panoramaklang aus Splittern und Scherben zusammenkittet.

So hängt die synthig irisierte Gitarre in „Dancing Days“ wie Feuerwerk am Himmel, während ihr ein in den Rotbereich zerfetztes Schlagzeug und die langgezogene Wehmut D’Agostinos den Glanz abgraben. „Wish“ stampft unter weichem Saitenspiel, das alsbald von dualem Saxophonröhren untergebuttert wird, „Mallwalking“ ist über weite Teile ein radikaler Freiraum aus neunzig Prozent Perkussionshall und seltenen, zerrbildhaften Melodiefragmenten.

Wenn Cymbals Eat Guitars wollen, können sie aber auch das große Gefühl breit plakatieren. So im eröffnenden „Finally“, wo D’Agostino sich behutsam an Zufriedenheit herantastet („My love is a mantra/ When I speak it, it weakens/ I’ll just squeeze your hand three times”) und auch seinen Gesang beendet, um den hymnischen Melodiebogen im Refrain allein dem Heulen der Gitarren zu überlassen. Selbst hier ist fraglich, wie lange der Glücksmoment anhalten wird – sollte er nicht gerade darum so befreiend weit erklingen?

Ein Kommentar zu “Cymbals Eat Guitars – Pretty Years”

  1. Kai Wichelmann sagt:

    Eines DER Indie-Rock-Alben des Jahres. Auf einer Stufe mit Sioux Falls.

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