Rosa Walton and Jenny Hollingworth sind beide um die 17 und machen Popmusik. Wer jetzt im besten Fall mit Lorde-Epigonen und im schlechtesten Fall mit hochgecasteten Ellie-Goulding-Soundalikes rechnet, wird dabei aber arg enttäuscht. Kein Hochglanz, wenig Glamour, vielmehr tiefgründiges und dabei unwiderstehliches Kramen in den Zauberkisten irgendwo auf den Dachböden eines schaurigen Märchenlandes.

Nachdem zunächst augenscheinliche Verwandtschaften geklärt werden können, die von den Spieldosenmelodien CocoRosies hin zum angeschrägten Barjazz der Dresden Dolls reichen, fallen bei Let’s Eat Grandma selbstverständlich deren junge und fordernde Stimmen auf – mal süßlich, mal aufbrausend wie im psychedelischen „Eat Shiitake Mushrooms“. Nicht nur die Musik der beiden Engländerinnen ist eklektisch, auch der jeweilige Tonfall und Ausdruck bekommt je nach Song seine eigene Facette. Schön ist, dass den beiden trotz allem Hang zur Zerstreuung die Melodien nicht abhanden kommen, die sich immer wieder zwischen die gelinde gesagt waghalsigen Arrangements schlängeln.

Nachdem bei „Sax In The City“ das namensgebende Instrument seine große Stunde erhalten hat, vergnügen sich die beiden Musikerinnen im gewaltigen „Chocolate Sludge Cake“ mit einem Blockflötenorchester, das darauf folgende „Chimpanzees In Canopies“ beginnt wie eine erste Cello-Stunde, um dann in ein einen ukulelenbegleitenden Marsch durch den Dschungel zu münden. Vieles auf „I, Gemini“ wirkt wie zufällig zusammengebastelt und doch lassen sich Haltepunkte ausmachen. Das fantastische „Rapunzel“ etwa, dessen Klavierminiatur die Nachtstücke Frédéric Chopins evoziert und nicht von ungefähr an den „Childcatcher“ von Patrick Wolf erinnert.

„Sleep Song“ wiederum wildert mit windschiefer Seefahrerromantik und hat sich sein Leitmotiv bei DeVotchKas „How It Ends“ ausgeliehen. Dass dieses dabei ein paar Federn lassen musste, ist Mittel zum Zweck und lässt das Stück in einen schaurigen Dämmerzustand hinübergleiten. Ständig greifen Let’s Eat Grandma in diverse Trickkisten und erwecken durch luzides Träumen erschaffene Schreckgespenster zum Leben. Es wird geradezu furchterregend, wie sich die beiden zum Ende des Songs echohaft verschlingen und ihren Albtraum in einen markerschütternden Schrei münden lassen.

Dann wieder knistern Naturgeräusche, Waldelfen und die Spieldosenprinzessin sind zurück und das zweiteilige „Welcome To The Treehouse“ umfängt den Hörer wie den Fangornwald. Es wird perkussiv und wieder lassen die beiden Musikerinnen genügend Pop in ihren Kompositionen zu, um nicht vollends als unnahbar oder gar feenhaft und verstiegen zu gelten. Fast fühlt man sich im zweiten Teil der Baumhausgeschichten an die frühen Björk-Alleinflüge erinnert, denen ja trotz aller Andersartigkeit der Pop auch noch nicht verloren gegangen war. Obwohl die Isländerin sich spätestens mit ihrem letzten Werk wieder gefangen hat: Vielleicht können Walton und Hollingworth ja mal Nachhilfe in Unbeschwertheit geben. Denn trotz aller Mystik und Widerborstigkeit ist „I, Gemini“ ein Stück weit wie ein nicht immer vollends aufgeräumtes Kinderzimmer. Es ist ein wenig unordentlich, vielfarbig und lädt trotzdem immer zum Mitspielen ein.

3 Kommentare zu “Let’s Eat Grandma – I, Gemini”

  1. Großartiges Album, sehr eigen mit kühnem, einfallsreichem Sound & Melodien. Erinnert mich auch ein Stück weit an Animal Collectives „Feels“, oder überhaupt die Paw-Tracks-Sachen um die Zeit wie Rings, gleichzeitig aber auch frühe 4AD-Sachen.

  2. Carl Ackfeld sagt:

    Rings ist ja großartig. Kannte ich nicht, muss ich dringend nachholen!

  3. jakob sagt:

    gleich mal einen download suchen, klingt vielversprechen

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