Es braucht kein großes Konzept für ein großes Album: Nach dem ätherischen „July“, über dessen Verlauf sie den schmerzlichen Verfall einer romantischen Beziehung dokumentierte, widmete sich Marissa Nadler für ihr nächstes Werk von Grund auf einer komplexeren Art der Komposition. Auf „Strangers“ erstrahlen ihre Songs in düsterer Opulenz, gewichtvoll verdichteter Atmosphärik und denkwürdigen Harmonien.

Selbst das auf Akustikgitarre beschränkte „Shadow Show Diane“ besitzt mit seinen zwei Vocal-Spuren eine Erhabenheit, die ein wenig über die Verspieltheit der voyeuristischen Erzählung hinwegtäuscht („I was bored of watching TV/ Sat out on the porch nightly/ Taking pictures on the phone/ of people passing by/ Then I saw the kind of show/ I could never tell my man“). Nicht minder schwerelos beschreibt Nadlers spektrale Stimme im pianogetragenen D“ivers Of The Dust“ den Weltuntergang („Lying here, on the rocks/ with the cliffs disintegrating/ Last I heard, in the end/ the waves were scraping city streets“), meistens jedoch deutet schon die sachte Perkussion von Steve Nistor eine Bandbegleitung an, das die Stücke live als Solodarbietung schwer vorstellbar macht. Nadler und Produzent Randall Dunn (Earth, Sunn O)))) nutzen die instrumentale Expansion, unter der die Bostonerin ihre Songs schon in Demoform mithilfe von Audiosoftware entwarf, vor allem dafür, den Melodien zu größerer Ausdruckskraft und intensiver atmosphärischer Wirkung verleihen.

So löst das Nebel-Americana von „Hungry Is The Ghost“ immer wieder ein sirrend moduliertes Tremolo in die Breite auf, ein bedrohlich dräuender Synthesizer quillt in „Skyscraper“ langsam wabernd auf, während die schimmernden Tasten in „Nothing Feels The Same“ die Helligkeit des Gesangs noch leibhaftiger machen. „All The Colors Of The Dark“ klingt entlang einer Balustrade aus Geigen wandelnd trotz eines modernen Klangfelds so zeitlos, als müsse es ihn schon immer gegeben haben – ein anderes Album würde an diesem Punkt abfallen, doch „Strangers“ lässt ab hier erst richtig aufhorchen. Das Titelstück nimmt sich alle Zeit der Welt, um sich in langgezogenen Linien aus Twang und dronigem Unterlauf auszubreiten, so behutsam, dass das volle Bassgewicht des Stücks kaum auffällt.

Eher schon bei „Janie In Love“, wo sich nach rumorenden Synthbass-Strophen ein Abgrund aus berauschenden Saitenspielen auftut. Nadler ist erneut Beobachterin einer Naturkatastrophe, im Gegensatz zur Sintflut der Albumeröffnung ist diese jedoch mit einem deutlichen Augenzwinkern versehen, beschreibt sie doch eine etwas zu chaotisch in Beziehungen stürzende Bekannte mit „You touch and the earth will crumble/ You speak and hurricanes attack/ I am pulling out the windows to prepare for you/ when I hear your name“. Wie auch anderswo, wenn sie die gleichen Worte in Folge wiederholt, variiert Nadler die Intonation des Titels dermaßen, dass sich aus jeder der drei Inkarnationen von „Janie in love“ ein neuer Song manifestieren könnte: hoffnungsvoll, vorsichtig, sorgenerfüllt – auf einem derart nuancenvollen Album kann sie alles zugleich vermitteln.

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