Japanese BreakfastPsychopomp
| Tweet |
Label:
Yellow K
VÖ:
01.04.2016
Referenzen:
Sambassadeur, Frankie Cosmos, Porches, The Mary Onettes, Cults, Mitski
|
|
Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Michelle Zauner hat sich kreativen Fokus geradezu angeübt: Ihre ersten Soloveröffentlichungen als Japanese Breakfast versammelten Aufnahmen, für die sie pro Tag einen Song über den Verlauf einer Woche („Where Is My Great Big Feeling“) und sogar einen Monat („June“) geschrieben und eingespielt hatte. Vor allem die letztere ausgedehnte Übung war der Versuch, eine Schreibblockade zu überwinden, denn Inspiration hin oder her: Auch wer noch so frei kreativ arbeitet, muss sich letztlich immer irgendwann einmal hinsetzen und loslegen.
Die dabei entstandenen Stücke waren skizzenhafte, klanglich unausgewogene Heimaufnahmen, die vor allem auch die Optionen einer Prozessveränderung abwägten: Von Akkorden und Harmonien abzuweichen, die besonders häufig aufzutauchen begannen, mehr oder weniger mit Halleffekten zu arbeiten oder auch einmal rein instrumental den Sound mehrspurig zu verdichten. In mehrfacher Hinsicht ein Endprodukt dieser Erfahrungen ist „Psychopomp“, das offizielle Debütalbum von Japanese Breakfast: Sein texturierter Gitarrenpop erinnert vor allem an den Labrador-Sound von Sambassadeur Mitte des letzten Jahrzehnts und ist bei aller schwelgerischen Sounddichte kompakt in der Länge: Die neun Songs gehen gerade einmal über 25 Minuten.
Anders als bei ihrer Band Little Big League, wo ihre Vocals einen rocktypisch gefestigten Biss und Stich besitzen, ist Zauners Gesang auf „Psychopomp“ abwechelnd falsettiert zersetzt und von einem rohen Verve animiert, mit dem sie in „Rugged Country“ eine Note lieber nur zu 97% sauber trifft als eventuell an Intensität einzubüßen, wenn sie singt „Cause I was lonely here and it’s lonely still/ In the rugged country where the weeds grow fierce/ Quicker than the crop I keep running from“. Während hier ein Synthesizer zum Refrain eine Spur von Glanz in das Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gespann schraubt, funkeln die beiden Stücke davor opulent und in weichem Hall, vor allem „In Heaven“: Die Instrumente lassen sich dort so lange als konstituierende Einzelspuren deutlich heraushören, bis sie schließlich unter einer leisen Bläserfanfare glorreich verschmelzen. Das wird umso bestechender, weil Zauner dort den Verlust ihrer Mutter thematisiert („The dog’s confused/ She just paces around all day/ She’s sniffing at your empty room“), doch von Kontrasten lebt auch ihre Soundkomposition. Im Spector-tastischen „Everybody Wants To Love You“ treibt so ein knorpeliges Gniedelsolo durch ein Glittermeer, in „Jane Cum“ hingegen werden Saiten zur graupeligen Textur aus Tremolo und angehaltenem Drone, zu der Zauner ihre Stimme jedoch hochtönig und deutlich hervorstehend abhebt.
Es sind die Kontraste aus glatter und rauer Klangästhetik, vor allem aber die melodische Aneinanderfügung und das Ineinandergreifen der Einzelteile, mit denen Zauner einen so stimmigen Gesamtsound entwirft, dass bei den Suite-artigen ersten und letzten beiden Stücken der Übergang auch kaum auffällt. „Psychopomp“ steht exemplarisch dafür, wie schön es sein kann, wenn Gitarrenmusik fasziniert von Textur und synthetischer Helligkeit ist, es aber nicht auf abgefeilte Perfektion anlegt.


