Jessy LanzaOh No
| Tweet |
Label:
Hyperdub
VÖ:
13.05.2016
Referenzen:
Natasha Kmeto, Cooly G, Junior Boys, Grimes, Matthew Dear, The Galleria
|
|
Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Der Herzschlag der Kickdrum pocht mit 160 Bpm. „When you look into my eyes boy/ then it means I love you“, singt Jessy Lanza im brillanten, stets mutierenden Kernstück von „Oh No“. Im mal peitschenden, mal schwebenden, dann wieder titschenden „It Means I Love You“ ist der Beat die einzige Konstante, und selbst er setzt zeitweise ganz aus.
In der Perkussion erinnert die wundervolle Dance-Hybridisierung an elektrisierende südafrikanische House-Entwürfe wie Shangaan Electro, das zweite Album der Kanadierin ist jedoch ebensowenig eine Adaption davon wie vom Footwork ihrer Teklife-Kollaboration „You Never Show Your Love“. Vielmehr wirkt es, als habe sie sich von deren Frenetik inspirieren lassen: Wo „Pull My Hair Back“ größtenteils klassische, geradlinige Rhythmen in ein entsättigtes Soundbild transportierte, hat Lanza mit Co-Produzent Jeremy Greenspan ihren souligen Dance-Pop nun um rhythmische Unruhe angereichert. Diese ist wohlgemerkt eine innere, an ein derart hohes Tempo wie „It Means I Love You“ denken die anderen Songs gar nicht erst.
Subtiler gerät „I Talk BB“ ins Wanken, indem der Slow Jam – ohnehin nicht so dick auftragend, wie es das Italo-Arpeggio im Intro andeutet – zwischen gemächlich tragende Gated-Reverb-Drums eine rechtsseitig promiment tickende Hi-Hat synkopiert und Lanzas zeitlich leicht verzogene Vocals einen Atemzug zu spät erscheinen lassen. Vor allem die Footwork-reminiszent flickernden Snares beleben von purpurnen Synthwolken durchschwebte Songs wie „Going Somewhere“, an dessen Rändern sie von 16tel- in 32stel-Anschläge lossprinten und dabei zwischen den Stereokanälen Pingpong spielen. „Vivica“ beginnt mit verschiedenartigen Claps links und rechts, verschmilzt sie dann mittig über einer einzelnen forschen Snare, lässt sie als Echo eines Klapperns wieder zerdriften oder mit Snaps verknüpft voneinander abrollen.
Andererseits ist da Lanzas Stimme, die auf „Pull My Hair Back“ mitunter noch zaghaft war. Hier ist sie selbst im Hauchen vollmundiger, trotz Falsettierung tritt sie forsch in „VV Violence“ auf, das Detroit-Freestyle-Echos von Lanzas Zusammenarbeit mit Morgan Geist als The Galleria trägt („Show me how to do it/ you say I do it all wrong/ but you don’t even talk to me“). Spontan erscheinende Ausrufe wie die dortigen „No!“s und „Yah“s oder das H“ey!“ im discoiden „Never Enough“ lassen ihren Gesang wie ein Gespräch wirken, Lanza selbst erhebt im Klimax eines Songs ohnehin eher selten die Stimme, die intensivierende Songdramatik übernimmt die Instrumentierung unter Hinzufügen neuer Elemente.
In der Tat ist oft kaum festzustellen, ob Lanza eine ihrer markanten Phrase überhaupt mehr als einmal eingesungen hat oder einen einzigen Take immer wieder samplet: Im Titelstück beispielsweise ist die Aussprache des “N” bei „Oh no“ immer wieder auffällig kräftig, nur der von klapprigen Drums aufgezogene Kaputt-Funk und immer wilder werdende Effekte machen eine genaue Identifikation schwer. Auch „Begins“ ist in mehr als einer Hinsicht zusammengesetzt, mit Lanzas heruntergepitchter Vocal-Begleitung und dem Carey/Grande-würdigen „Baby I, baby I“-Loop, doch zugleich am ehesten eine konventionelle R’n’B-Performance, die am Ende voller Schmelz aufgeht. Wieder unterstreichen dies die Synths dezent und die Perkussion lebendig, es klickert und klackert im Unterbau dieses grandiosen Popmoments.


