
KünstlerInnen aus Wales wird gerne eine gewisse Kauzigkeit oder zumindest eine Hingabe zum Anderssein angedichtet. Das mag sicherlich an der auch gesanglich genutzten eigenen Sprache liegen, doch selbst wenn, wie von Cate Le Bon hier mit eigensinnigem Akzent vorgemacht, britisches Englisch geboten wird, kommt es schon mal zu eigenwilligen musikalischen Wegen. „Crab Day“ verwinkelt schöne Popsongs zu schrägen Kunststückchen und geht dabei manchmal bis an die Schmerzgrenze.
Schon die vorherigen Alben der gebürtigen Waliserin geizten nicht mit überraschenden Einfällen, doch auf „Crab Day“ will die Musikerin mehr. Songs wie den unscheinbaren Piano-Pop von „I Was Born On The Wrong Day“ überrumpelt sie mit Saxophon- und Klavierkaskaden und lässt diese an Melodie und Rhythmus zerren. In „We Might Revolve“ schickt sich ein nervöser Beat an, einstweilen für Ordnung zu sorgen, doch Le Bon führt Anderweitiges im Schilde. Ein leichter Jangle-Twang zerbricht den Song in tausend Stücke, die Saiten peitschen um Ecken und über Kanten und Le Bon singt sich bis zur Soprangrenze in einen verqueren Rausch.
Auf „Crab Day“ herrscht kaum mal Ordnung. Gerade wenn sich irgendwann einmal Melodiefetzen zu einem kurzen Stimmungsbild zusammengesetzt haben, durchbricht ein kleines Marimba-Stakkato wie in „Yellow Blinds, Cream Shadows“ einen der gefälligeren Songs, der zeitweilig die Nähe des letzten Eleanor-Friedberger-Albums zu suchen scheint. Überhaupt schimmern The Fiery Furnaces immer mal wieder durch die kompliziert zusammengebauten Stücke. Die Tempo-Variabilität, gepaart mit Texten, die gar nicht sonderbar genug sein können, Vieles auf „Crab Day“ scheint man trotz aller purzelbaumschlagenden Raffinesse schon einmal gehört zu haben. Sicher lässt der eigenwillige Akzent einen anderen Gestaltungsradius zu, doch irgendwie wünscht man sich im abschließenden Prunkstück „What’s Not Mine“ ein gesetzteres Timbre, das Le Bon auch durch die dringliche Wiederholung der Titelzeilen nur im Ansatz erreicht.
Wie spektakulär „Crab Day“ hingegen sein kann, zeigt der Beginn des Albums und vor allem die erste Single „Wonderful“, die sich aufreizend chansonesk gibt und formvollendet von der gewollten tonalen Dissonanz lebt. In diesem ersten Drittel deutet sie die Haken, die sie im weiteren Verlauf des Albums schlägt zwar bereits an, die rhythmische Mäßigung bekommt den Songs aber insgesamt deutlich besser. Egal ob die Gitarren schwirren, die Drums marschieren oder Le Bon zur kindlichen Diseuse wird, wie es der Titelsong oder das herrlich schaukelnde „Love Is Not Love“ versprechen, ein wenig Ordnung ist auf „Crab Day“ wohl doch nicht nur das halbe Leben. Aber wer mag schon halbe Sachen, von daher wünschen wir uns einfach beim nächsten Mal eine Abkürzung früher, einen Taktwechsel weniger und eine Terz tiefer.