Tim HeckerLove Streams

Der Gedanke, ein Opus zu komponieren, ist mindestens so alt wie es die Musikgeschichte zu dokumentieren weiß. Etwas zu erschaffen, das eine solch innewohnende Kraft besitzt und als ein Ganzes gehört werden will, ist auch bis heute kein vergessenes Kulturgut. Der kanadische Soundtüftler Tim Hecker dringt mit seiner Arbeit tief in die Möglichkeiten modernen Komponierens vor und bereichert mit seinem ersten Album beim Traditionslabel 4AD sein mittlerweile seit über 15 Jahren stetig anwachsendes Œuvre.

Wenn man „Love Streams“ hören möchte, muss man sich für eine komplexe, manchmal vielleicht etwas wirre, soundfrickelige Musik öffnen, die nicht beim ersten Mal hängen bleiben kann. Dies ist aber auch gar nicht Heckers Intention, hier geht es vielmehr um eine auditive Kunst, vielleicht sogar in Richtung E-Musik, die zu viel offen lässt, um überhaupt direkt verarbeitet werden zu können. Dies möchte man aber auch nicht, denn erst mit wiederholtem Hören lassen sich die Tiefen entdecken, die „Love Stream“ zu einem enorm vielschichtigen Werk machen.

Um die Macht von Geräuschen traditioneller Instrumente, Field Recordings oder elektronischer Effekte weiß Hecker nur zu gut. Er zerpflückt sie, reißt sie auseinander, verändert sie oder lässt sie pur – am Ende fügt er alles behutsam wieder zusammen. Aufgenommen in Reykjavík, in Kollaboration mit Ben Frost und Jóhann Jóhannsson, nimmt „Love Streams“ mit auf eine Odyssee ins Irgendwo.

Auch wenn große Melodien nicht den Mittelpunkt darstellen, ergibt ihre Verbindung mit Dissonanzen und lückenhafter Rhythmik wie in „Obsidian Counterpoint“ doch etwas Besonderes. Das Gemüt und die Ohren müssen sich daran vielleicht erst gewöhnen, doch sind Lärm und Krach eigentlich Bestandteile unseres alltäglichen Lebens. Wieso also nicht viel bewusster künstlerisch ein Opus gestalten und gar nicht so konträr erscheinende Teile verbinden?

Oft lässt sich nicht in Worten beschreiben, was man genau hört, aber es gibt kleine Elemente wie die E-Gitarre, von Jóhannsson aufgenommene Chorgesänge, Klavier oder andere elektroakustische Sounds, die wie ein Basisgeflecht die Tracks umschlingen, ohne sie aber zu erdrücken oder einzunehmen. Das finale „Black Phase“ beinhaltet in umfassendem Maß all diese Elemente, die dort nicht nur anklingen, sondern das Fundament bilden. Mit diesem meditativen, sakralen Endpunkt merkt man erst, dass man den Rest des Albums nicht mehr im Ohr hat oder nicht gleich in diesem Rahmen erfassen konnte. Also auf ein Neues von vorn – zu entdecken gibt es noch genug.

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