Noch mehr als mit manch anderen Genreplaketten muss man bei Psychedelic eigentlich zwischen Klang und Wirkung unterscheiden. Über Jahrzehnte haben sich gewisse Instrumente, Effekte, Melodiezüge oder Stimmaffekte einen Vertrautheitsgrad in diesem Kontext erarbeitet, so dass gerade bei Retrobands wie Kadavar oder Temples die Bezeichnung ihrer Musik als Psych-Rock nachvollziehbar wird – der Klang deckt sich ästhetisch mit der Vorstellung, die der Begriff erweckt. Anderswo als in derart konventionell-konservativer Musik muss man jedoch die Wirkung suchen, die “psychedelisch” impliziert: den Rauschzustand, die Bewusstseinserweiterung, das mentale Aus-dem-Rahmen-Versetzen.

Finden lässt sie sich zum Beispiel, wenn man sich in das vierte Album der oberflächlich eher metal-nahen Finnen Oranssi Pazuzu begibt. Auf Refrains kann man sich in ihren Songs nicht verlassen, Muster und Repetition findet man hier eher im Detail. Mit Weitsicht gewoben spinnt sich „Saturaatio“ so fünf Minuten lang ums eröffnende Zweiton-Gitarrenmotiv: Schnell bildet sich ein stoner-krautiger Antrieb, der sein Gewicht aufs das Motiv anschlagsweise imitierende Schlagzeug und Bass lagert, dann auf sirrende Gitarren zu fauchigen Vocals, eine aufgeblähte Druckverdichtung und dann wiederum auf ein schaurig gestimmtes Keyboard legt – wobei hier das Anfangsmotiv wegfällt, nur im Schlagzeug verbleibt. Nach einem klapprigen Breakdown unter heulenden und depressiv riffenden Saiten könnte man erwarten, nun wieder zu vertrauten Ufern zurückzukehren. Zum großen Finale jedoch schaukelt sich das Stück in den letzten drei Minuten mit erhabener Geduld und langgezogenem Bass-Fuzz aus, wie um diesen vorhersehbaren Halt zu entziehen.

Eine gewisse Proggigkeit lässt sich auf „Värähtelijä“ kaum verleugnen, an spielerische Virtuosität oder eventuell anspruchsvolle (*lautes Naserümpfen*) Gesamtstrukturen ist beim Hören jedoch nicht zu denken. Zu sehr ist ist man von der Wirkung dieser unergründlichen, verführerisch garstigen Space-Okkult-Klangwelt ergriffen. Oranssi Pazuzu brillieren mit der oft undurchschaubar komplexen Verwobenheit ihres Sounds, der so dicht und eigenwillig verschroben ist, dass selbst seine cartoonigen Elemente nicht (zu) albern wirken. So gipfelt das berauscht wallende „Hypnotisoitu Viharukous“ zwischendurch in der Zugabe überhöht schriller Streicher, die wie aus der tausendmal parodierten „Psycho“-Szene von oben herabstechen, während sich im schwelenden „Lahja“ in das new-agige Vibraphon-Bimmeln mittig eine Geisterhaus-Orgel einschleicht. Bevor „Havuluu“ über beschwörende Toms in sich auftürmende Riffwellen und einen Blastbeat-Sprint lostaumelt, erinnert die wolkige-neblige Analogsynth-Eröffnung an 80er-Soundtracks wie den von Tangerine Dream für Michael Manns “The Keep”. Bestimmt sind die Finnen selbst Horrorfilm-literat, nicht zuletzt ist schließlich der altbabylonische Dämon Pazuzu popkulturell vor allem als Antagonist in „The Exorcist“ (naja, und erst recht John Boormans verko(r)kster Fortsetzung) bekannt.

Doch auch wenn Oranssi Pazuzu immer wieder beunruhigend schleichende, trapsende Passagen gelingen, ist „Värähtelijä“ kein Schreckkino moderner Machart, das ganz billig auf laute Schockeffekte nach ermüdender Stille setzt. Selbst der noisigste Ausbruch wirkt organisch und nachvollziehbar, ist auch nicht Selbstzweck, wenn er wie in „Vasemman Käden Hierarkia“ einen potentiell pathetisch dick auftragbaren Gesang im Dickicht umherirren lässt. Ähnlich verloren fühlt man sich beim Hören in den nachfolgenden Minuten selbst: In brodelnden Schwaden löst sich das Stück bis zum Dronig-Ambienten nahezu komplett auf, ehe es eine doomig stapfende Gestalt annimmt, deren besonders biestige Vocals nochmal von wild jaulenden Synth-Oszillationen übertönt werden. Am Ende dieses rauschartigen, siebzehnminütigen Trips muss man dann erst mal wieder zu sich selbst finden, und als wollten Oranssi Pazuzu dazu Gelegenheit geben, endet das Stück auch im meditativem Prasseln eines Kaminfeuers.

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