Fatima Al QadiriBrute

Vor fünf Jahren veröffentlichte Fatima Al Qadiri unter dem Namen Ayshay ihre erste größere EP „WARN-U“, deren Vocal-Drones – sieht man einmal von dem beigefügten NGUNZUNGU-Remix ab – in Abwesenheit jeglicher Beats imponierte. Das zweite Album der Kuwaiterin kommt zwar selten so wie im durchraunten zweiten Stück „Blood Moon“ ganz ohne bassige Anschläge aus, doch besitzt „Brute“ noch mehr als ihr Debüt flüchtige, ambiente Qualitäten.

Dabei bezieht sich „Brute“ ganz aktuell auf den Machtmissbrauch der US-amerikanischen Staatsmacht, deren unverhältnismäßiges Vorgehen in den letzten Monaten immer wieder öffentlich sichtbar wurde. So samplen die Stücke Polizeibeamte, die den Protesten in Ferguson das Versammlungsrecht absprechen und der antirassistischen Demonstration mit Gewalt drohen, aber auch einen Nachrichtensprecher, der das Vorgehen des NYPD gegen eine friedliche Versammlung von Occupy Wall Street kritisiert. Die Konflikte sind auch auf andere Länder übertragbar, wenn nicht gar universal: Al Qadiri selbst hat Polizeigewalt in weniger freien Regimes erlebt und wie unlängst der Vorfall in Clausnitz zeigte, kann man sich auch hierzulande schnell ungerechtfertigt in einer Position wiederfinden, in der Freund und Helfer zur Bedrohung wird.

„Brute“ soll Protestmusik sein, enthält aber keinen Aufruf zu gewalttätigem oder friedlichem Widerstand. Vielmehr reflektiert es die verspürte Machtlosigkeit beim Verlust der freien Meinungsäußerung, wenn Sirenen und flittrige Polizeifunk-Samples den brummenden Hörnermarsch von „Blows“ und den ominösen Echoraum von „Curfew“ befehligen. An diesen Stellen erweckt Al Qadiri tatsächlich auch kurzzeitig ein Unwohlsein beim Hören, zu oft aber scheinen die enthöhlten Dynamiken nur apathisch. Das wird umso deutlicher, weil andere kontemporäre Grime-Produktionen über die letzten Jahre mit ähnlichen Mitteln mehr Wirkungskraft bewiesen haben: Visionists umraunte Panikattacke, Aïsha Devis Ethnokitsch transzendierende Geisteskonkoktionen oder die Werke des NON-Kollektivs, das die gleichen offensichtlichen Gewaltgeräusche wie Schüsse, Explosionen und Glassplitter zu beklemmender Intensität übersteuert.

Al Qadiris Kompositionen selbst sind sicherlich nicht generische Grime-Stangenware, im Detail erscheinen sie fein durchdacht. Der Effekt ihrer Soundscapes wird dennoch uniform und fast jeder Track so zum Intro eines Outros ohne Ereignis dazwischen. Das klingt vielleicht auch wie ein interessantes Konzept, ist aber nicht spannend anzuhören und nachdem schon im ähnlich theoriegeschwängerten Projekt Future Brown die Höhepunkte meist den Vokalistinnen zu verdanken waren, ist vielleicht zu hoffen, dass Al Qadiri mit anhaltender Nachdenklichkeit in Zukunft Intention und Wirkung überzeugender verweben kann.

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