Isolation BerlinUnd Aus Den Wolken Tropft Die Zeit
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Label:
Staatsakt
VÖ:
19.02.2016
Referenzen:
Die Sterne, Human Abfall, Ja, Panik, Tilman Rossmy, Wanda, Selig, Die Regierung
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Weniger Sturm, mehr Drang – nach Isolation Berlins fordernden EPs „Körper“ und „Aquarium“ musste nicht mehr und nicht weniger mit der Revolution der hiesigen Musiklandschaft gerechnet werden. Die wahlweise seelenvollen oder zorndurchzogenen Alltagsgeschichten vereinten zerschundene Worte mit nervösem Post-Punk-Beat und ließen auf glanzvolle Epigonen längst vergangener Zeiten hoffen.
„Und Aus Den Wolken Tropft Die Zeit“ ist dann aber doch keine reine „Ich erinner‘ mich an damals“-Platte geworden. Sicher lugen an allen Ecken und Kanten wohlfeile Anleihen hervor, die von Selig über Die Sterne bis zu Tilman Rossmy und Die Regierung reichen und zeitweilig gar alte L’Age-D’Or-Befindlichkeiten zum Vorschein bringen könnten, des Pudels Kern liegt jedoch eher an der Verquickung der Elemente zu einer quälenden Melange des Jetzt. Dabei scheinen die Jungs um den so gewollt gelangweilten wie ausdrucksstarken Sänger Tobias Bamborschke vor allem vom Eifer gepackt zu sein, ihren vielfältigen Indierock nicht immer einfach nur nach ‚Berlin‘ klingen zu lassen. Vielmehr ziehen sie auch ins Umland und gönnen sich im entspannten „Schlachtensee“ gar ein paar Minuten angenehmen Zurücklehnens.
Manche Songs rücken dabei aus einer Art Skizzenhaftigkeit langsam in den Fokus, wie das angeblueste „Ich Wünschte, Ich Könnte“ eindrucksvoll beweist. Doch vor allem fallen wie auch schon auf den vorausgegangenen EPs die gewaltige Detailversessenheit und die damit verbundene Stilbreite auf. Das eröffnende „Produkt“ in seiner ganzen monotonen Berlin-Mitte-Diktion (inklusive bildhafter Marschtrommel), Songwriter-Pop, schwärmerisch und dennoch so negativ wie eben möglich bei „Du Hast Mich Nie Geliebt“, oder gar bittere Erzählungen im 6/8-Takt, die voll von schönen Bildern und sehnsüchtigen Gedanken sind: „Der Garten deiner Seele ist verwildert/ und überwuchert von Unkraut und Getier/ Das wartet nur darauf mich zu zerfleischen/ wenn ich mich noch einmal darin verlier“. Bei „Aufstehn, Losfahrn“ wiederum wippt jeder mit, zu herrlich korrespondieren Orgelsounds und Shuffle-Beat.
Konventionell ist auf „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ somit nichts, selbst vor wildesten Noiseattacken macht die Band im sinnbildlichen „Wahn“ keinen Halt. Das traurige „Fahr Weg“ wiederum zieht genauso wie der böse Pseudo-Funk „Verschließe Dein Herz“ den Boden unter den Füßen hinfort. Bamborschke ficht nicht nur dort ständig mit seinen eigenen Ängsten, Stimmungen und Dämonen und lässt sie in den unterschiedlichsten Erscheinungsbildern zutage treten. Wer erwartet schon nach gut vierzig Minuten eine herzleidende Mischung aus Minnesang und Seemanns-Shanty namens „Herz Aus Stein“, und das im Jahr 2016? Der Reiz der trostlosen Vielfalt ist es, den Isolation bei ihren Zuhörern gnadenlos antriggern und so wird aus den zunächst nahezu zusammenhanglosen Songs eine Quasi-Reflektion, die irgendwo zwischen Gegenwart und Vergegenwärtigung verschwimmt und teilweise ganz schön schonungslos mit den doch eigentlich so schlichten Alltagsthemen wie Liebe, Hass, Wehmut oder eben der eigenen Lebenswirklichkeit umgeht.


