War es in den vergangenen Jahren vor allem Australien, das immer wieder musikalisch aufhorchen ließ und vor allem ungestüme und wüste Rock-, Folk- und Bluesmusiker in unterschiedlichen Zusammensetzungen ans Tageslicht förderte, scheint nun die Stunde des kleineren Nachbarn Neuseeland gekommen zu sein. Nach unter anderem Tami Neilson (auch im Duett mit Williams), Delaney Davidson (ehemaliger Duettpartner von Williams) und Barry Saunders (diverse Kollaborationen mit Williams) scharrt nun Marlon Williams mit den Hufen Richtung Welt.

Nehmen wir den Jungspund Williams mal genauer unter die Lupe: Bereits mit 17 im Heimatland und in Australien mit seiner Band The Unfaithful Ways aktiv und unterwegs, hat er nun mit 25 Jahren bereits im vergangenen Jahr sein Solodebüt in der Heimat veröffentlicht. Neun Songs, darunter zwei Coverversionen und ein sich zu eigen gemachtes Traditional, gute dreißig Minuten Spielzeit – so zunächst mal die technischen Daten, die gleichermaßen viel und doch so wenig über die Güte dieses wahrhaften Kleinods aussagen. Schon der nervöse wie faszinierende Aufgalopp „Hello Miss Lonesome“ erweckt die Geister zum Tanzen und lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie sehr sich Williams nicht nur mit seiner eigenen Musik, sondern auch mit der seiner Idole und Wegbegleiter beschäftigt. Der Rhythmus verspricht knochentrockenen Bluegrass-Country, die Stimme des Sängers schwelgt zwischen Wucht und Eleganz und der Chor der himmlischen Heerscharen fängt die Dramatik des Vortrags deutlich weicher auf, als es uns das begleitende Video weismachen will.

Williams beschäftigt sich in seinen eigenen Titeln mit düsteren, nicht immer versöhnlichen Themen. Das an das Beatles-hafte „After All“ anschließende und verschleppte „Dark Child“ findet sich in den dunkelsten Abgründen der Seele wieder und entpuppt sich als sarkastisches wie todtrauriges Folk-Noir-Kleinod ohne Kompromisse. Williams wird zum tröstenden Todesengel, der mit banger aber fester Stimme singt und selbst doch keinen Trost zu finden scheint: „Although the news came as no surprise, I always hoped I’d never have to bury a child“. Doch nicht nur in seinen eigenen Songs thematisiert er schwierige, unbequeme Szenarien, auch im dramatischen „I’m Lost Without You“ – im Original von Bill Fury schon von Wehmut zerrissen – oder später im verwaschenen „Silent Passage“ leidet er mit Inbrunst, ohne dabei ins quälende Jammern zu schlingern. Dazu fährt er Heerscharen an Instrumenten auf, nimmt sich aus dem musikalischen Baukasten der 60er-Jahre nur die besten Stücke und landet so schließlich kurz vor Schluss beim sagenhaften „When I Was A Young Girl“.

Die leicht androgyn überkrustete Stimme Williams kippt hier ihr bar jeder Theatralik weibliches Timbre in einen Sog aus waidwunder Wehmut und lässt selbst die bekanntesten Interpretationen des Traditionals durch Nina Simone oder Feist um Längen hinter sich. Williams will, nein vielmehr ist er die Protagonistin, er durchschreitet den Song wie auf einer Bühne und verschmilzt mit den Erinnerungen der alternden Dame, die sich nichts sehnlicher als Erlösung, vielleicht gar Vergebung erhofft. Die zugehörige Instrumentierung ist hier karg, nichts deutet mehr auf die vorangegangene, keck knisternde Moritat „Strange Things“ hin, vielmehr scheint Williams hier den letzten Hauch dieses Alter Egos mit aller Kraft allein mit seiner Stimme in die Hand nehmen zu wollen.

Dass „Marlon Williams“ hier nicht endet, ist fatal und doch tröstlich zugleich, denn der Kloß, den Williams seinem Zuhörer hier in den Schlund drückt, kann größer kaum sein. Da sorgt das versöhnliche „Everyone’s Got Something To Say“ für gern genommene Abhilfe und zeigt auch in den letzten Minuten die erhebliche Bandbreite des Musikers, der damit für eines der stärksten Alben des Jahres sorgt.

2 Kommentare zu “Marlon Williams – Marlon Williams”

  1. Phil sagt:

    Starke Sache, dieses Debut! Klingt gerade aufgrund der Stimme sehr traditionell im besten Sinne, zugleich aber auch sehr modern.
    Ein toller Tip, den ich ohne euch sicher erst einmal verpasst hätte, Danke! Vinyl kommt heute zu mir nach Hause :-)

  2. Carl Ackfeld sagt:

    Ganz deiner Meinung, Phil und vielen Dank auch für diese Blumen. Zum Weiterhören empfehle ich unbedingt Tami Neilson. Die Dame lebt ihre Liebe zur Historie allerdings noch deutlicher aus:https://youtu.be/gpmzpajfEqk

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum