Kevin GatesIslah

Offenbar hat das Albumformat für Kevin Gates keine besondere Bedeutung. Seit seinem 2013er Durchbruch mit „The Luca Brasi Story“ brachte der Rapper aus Baton Rouge mit Major-Label-Vertrag öfter als einmal pro Jahr Mixtapes heraus, die zugleich aber auch kommerziell vertrieben wurden und die Grenze so bereits schwammig machten. Statt sich nun mit seinem offiziellen Major-Albumdebüt davon abzugrenzen, zeichnet sich „Islah“ vor allem dadurch aus, dass es kaum von seinen Vorgängern zu unterscheiden ist.

Mit einem Potpourri aus völlig unterschiedlichen (wenn auch noch mit signifikantem Südstaaten-Anteil) Produzenten für nahezu jeden Track, ohne Gäste und ohne übergreifende Narrative oder Motiv besteht über fast eine Stunde Spielzeit schnell ein Überspannungspotential. Für Gates jedoch ist mehr Spielraum besser, kann er doch so umso ausführlicher das Facettenspektrum seiner lispeligen Stimme ausbreiten: das kratzende Brummen und die klare Kopfstimme (beide gleichermaßen von Weltschmerz gezeichnet in „Pride“), den strengen Echo-Ton von „La Familia“, den nasalen Croon-Gesang in „Kno One“ und alles dazwischen, meist als sein eigener Begleit- oder Gegenpart effektvermischt. Vor allem aber versteht es Gates wie kein anderer, die Intensität seines Vortrags zu variieren. Wenn er wie in „2 Phones“ von fülligem Raunen in aufgeregt helltönige Stimmfarbe schaltet, oder wie in „Not The Only“ in gleichbleibender Wortdichte graduell den Ton erhebt, ist das eindrucksvoller als würde er shouten.

Obwohl er das mittlerweile auch auf großen Plattformen wie dem „Furious 7“-Soundtrack zur Schau stellen konnte und „Islah“ sich höher in den US-Charts platzierte als Sia oder Charlie Puth, bleibt Gates ein Außenseiter – nicht nur in Musikvideos, wo er mit hochkrachigem Cutaway-Hemden blockförmig aus jeder Menge von schlabbrigen T-Shirts und Unterhemden heraussteht. Wenn nicht voller Stolz, so bringen seine Social-Media-Accounts doch schamlos nahezu im Wochentakt höchst Fragwürdiges an die Öffentlichkeit, vom Date mit einer Cousine bis zu einem Foto der Leiche seiner Großmutter. Ähnlich lässt er unverblümt auch Privates oder spezifische sexuelle Vorlieben ohne Vorwarnung in seinen Songtexten auftauchen. Dabei wirkt er weniger wie ein gezielter Provokateur, der es auf Schock anlegt, als jemand ohne Sinn für Privatsphäre oder Filter zwischen Gedankenimpulsen und dem “Absenden”-Knopf.

Dafür fehlt ihm als unermüdlich Ackerndem auch die Zeit. „I don’t get tired“ ist Gates‘ Motto und Lieblingshashtag, das er bereits auf seinem letzten großen Mixtape „Luca Brasi 2: Gangsta Grillz“ in Songform fasste und hier so oft einwirft (gerne verbunden mit einer wechselnden Anzahl von Jobs, die er hat), dass man ein Trinkspiel daraus machen könnte. Die radio- und streamfreundliche Songstruktur von „I Don’t Get Tired“, das den melodischen Refrain als Hook-Attraktion ganz vornan stellt, markiert auch neben seinem eigenen Gesang darin (den er zuvor Gästen wie August Alsina oder Rico Love überließ) die größte Entwicklung in Gates‘ Songs. Auf “Islah” findet sich keine zutiefst grimmige Erzählung wie „Posed To Be In Love“ vom 2014er „By Any Means“, dafür catchige Straßenrap-Hymnen wie „2 Phones“ und „Really Really“ – doch demonstriert Letzteres, dass Gates auch dort mit seinen Versen voll loslegt. Auf seine eigene Weise romantisch führt er seine kratzige Stimme dafür in „Hard For“ zu sanftem Effekt, wenn er über countryhaftem Fußstampf-Beat und Akustikgitarre verkündet, dass er ihn nur für sie hochkriegt – erstaunlicherweise gelingt der Song wie auch das ebenfalls von Earl & E produzierte Pendant „Ain’t Too Hard“, wo sich Gates über Klimper-Beat ganz verwundbar zeigt:

„I’m commitment-shy, so when feelings get involved I tend to run
Sometimes emotions get the best of me clearly
And I ain’t never tried to straddle no fences
Been back and forth for a minute
And I know I seem reluctant
I’ve been hurt and you the only one that mean somethin'“

Auch dass er im vorhergehenden „Told Me“ Depression und Selbstmordgedanken enthüllt, ist ungewöhnlich für einen ständig seine eigene Großartigkeit proklamierenden Straßenrapper. Der Gipfel der Offenheit – nicht zu verwechseln mit Wahrheit – ist aber „The Truth“, das Gates wie eine öffentliche Stellungnahme nach einem seiner berüchtigsten Vorfälle online stellte. Über einen Beat des eigentlich für seine Reggae-Werke bekannten Jamaikaners Rvssian rappt Gates über die gewalttätige Eskalation, als er eine Konzertbesucherin tretend attackierte. In den Spiegel blickend tritt er dabei in einen Dialog mit sich selbst, entschuldigt sich einerseits für seine Reaktion, schiebt aber dann auch wieder dem Fan die Schuldrolle einer Provokateurin zu:

„She grabbed my dick over and yanked it
Two or three times I had already warned her
Edit that part out, I don’t Like to argue
My children go with me to every performance“

Wenn Männer sich in Form eines Songs entschuldigen, verfolgen sie dabei fast immer eine manipulative Agenda, folgt im nächsten Atemzug die versuchte Wiederaufnahme einer Beziehung, die Erwartung von Mitleid oder die Imagepflege im Beteuern, dass sie aber doch eigentlich gutherzige Typen seien. Der frisch verheiratete Vater dreier Kinder („Islah“ ist der Name seiner Tochter) umgeht diese Stereotypen. Er stellt seine Position dar, gesteht ein, falsch gehandelt zu haben, bittet dann aber nicht die Attackierte oder seine Zuhörenden um Vergebung, sondern adressiert Gott. Es ist solch ein inneres Hadern, das Eingestehen von Schwächen oder Fehlern in einem Atemzug und das protzende Selbsterhöhen im nächsten, das Gates keineswegs sympathisch macht, doch im ungepflegten Umgang mit seinem eigenen Image über seine phänomelanen Rap-Fähigkeiten hinaus auch faszinierend.

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