ChairliftMoth

Ein metallisches, unverständliches Knarzen mutiert allmählich in die ausmachbar menschliche Stimme Caroline Polacheks, die „There is no such thing as illusion” ausspricht – ein Bekenntnis zu drögem Realismus-Affekt? Wohl kaum, denn im Folgenden entbreitet sich das letzte Stück auf „Moth“ als erhaben-berauschende Klangfantasie. Schon weit früher wird klar, dass das Duo eine Bank für so eleganten wie eigenwilligen Pop bleibt: Der Hook des sehnsüchtig laufenden „Romeo“ ist zum Teil ein knödeliger Electro-Riff, mehr aber noch der darauf folgende steife Break aus einem Bündel satter Drum-Kicks und einem rappelnden Echo, als würde eine Pistole in einen Sack voller Kirschkerne entleert.

Bei der Expansion ihrer Klang- und Stilpalette haben sich Chairlift für ihr erstes eigenproduziertes Album vor allem auf Beat und Rhythmik konzentriert. Zum Einen äußert sich das im vital auftretenden Disco-Funk von „Show U Off” oder des Quasi-Titelstücks „Moth To The Flame“, wobei diese mehr an New Yorker Neuauflagen dieser Stile angelehnt sind (etwa Careys „Fantasy“ aus den 90ern oder DFAs Nu-Disco der 00er) als an tatsächliche Retrosounds einer Periode, die die beiden Anfang-Dreißig-jährigen selbst nicht miterlebt haben. Aber wo schon Chairlifts letztes Album „Something” spezifische, in Vergessenheit geratene Synth-Pop-Stilmittel der 80er so kunstvoll rehabilitierte, setzt das Duo den Blick diesmal größtenteils ins Hier und Jetzt.

„Ch-Ching“ glänzt mit seiner rhythmisch avancierten Dynamik, die nur wenig melodische Anstöße in die passende Richtung benötigt. Den knochig resonanten Beat in Dancehall-artigem Muster vollenden Chairlift mit Hochgeschwindigkeits-Päckchen aus trappigen Snare-Triplets, die durchs Stereobild pannen, pointiert von hellem Glockenschellen, Snaps und anderen Perkussions-Atomen. Auch das balladeske „Unfinished Business“ mit verschleppten Trommelwirbeln und gelegentlichem Schlagholz vermag ein eigenwilliges, feines Rhythmusfeld zu erzeugen. Wie im ähnlich reduzierten „Crying In Public” zeigt sich nicht so sehr in den großen Anschlägen, sondern den kleinen, ungewöhnlichen Pochern und Patschern dazwischen umso klarer der Unterschied von Polacheks Zusammenarbeit mit Patrick Wimberly in Chairlift zu ihrem 2014er-Solowerk als Ramona Lisa – schließlich ist ihre Stimme unverkennbar die selbe.

Fast barock muten die Schwünge ihrer Melodiegänge an, die den konventionellen Weg scheuen und so auch Rhythmus- und Sample-Stolperfelder wie „Ottawa To Osaka“ nicht nur navigieren können, sondern komplementieren. Dass Polacheks Vocals diesmal (abgesehen vom nahezu ständigen Multi-Tracking) weniger effektbehandelt sein sollen, mag vielen beim Hören gar nicht auffallen – schließlich wurde schon ihre Gesangstechnik, mit der sie steile Tonsprünge gleitend absolviert, oft genug fälschlich für Autotune gehalten. Es passt aber zum erhöht persönlichen Charakter der Texte, die die Existenz als Individuum in der Millionenstadt herausheben („Crying In Public“) oder die zwischenmenschliche Anziehung unwiderstehlich wie die einer Motte zum Licht porträtieren. Chairlift bleiben aber von der Qualität weniger delikater Studiotechniken fasziniert, wie der auffällig hart abgeschnittene Vocal-Loop in „Polymorphing“ zeigt, dessen Bremsschwellen-Effekt so positioniert ist, dass er den Beat akzentuiert.

Wenn es „Moth” irgendwo mangelt, dann ist es wohl auch die schlüssige Verbindung von Produktionsdetail und intimem Songwriting zur Gesamtwirkung des Albums. Zwar ist die Abfolge der Stücke gelungener denn je sequenziert, doch gibt es kaum einen roten Faden, noch am ehesten in der (wie im Finale auch mal gedämpften) Präsenz von Blechbläsern, die öfter den Ton angeben als Synthesizer. Dafür imponieren Chairlift mit ihrem Mut, ihr Werk in ihrem eigenen Tempo zu entfalten, ohne sich dabei in Entschleunigungs-Trends einreihen zu müssen: „Moth“ beginnt weitäugig-warm mit dem introartigen „Look Up” und ehe die erste Single folgt, unternimmt es mit „Polymorphing“ erst einmal eine lockere Schlenderei durch einen New Yorker Stadtpark.

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