Sasha SiemMost Of The Boys
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Label:
Caroline
VÖ:
04.12.2015
Referenzen:
Owen Pallett, Jenny Hval, Jacques Brel, France Gall, Nico Muhly, Julia Holter
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Der menschliche Intellekt allein garantiert noch nicht, dass man stets eine vernünftige Entscheidung trifft oder überhaupt die Souveränität über das eigene Schicksal hat. Nicht ausschließlich, aber besonders eindrucksvoll davon handeln die Songs der Londoner Komponistin Sasha Siem, deren reduziert-verspielter Chamber-Pop sich auf ihrem Debütalbum deutlich von den Wurzeln ihres Klassik-Studiums entfernt.
„No she knows not to believe/ In the feeling of attraction/ It’s just a chemical reaction/ Working to deceive her/ Into acting like she needs him“ singt Siem erhaben, nachdem sie im Titelstück von „Most Of The Boys“ zunächst verschmitzt das Beziehungsleben ihrer Protagonistin als eine Folge aufregender Experimente von einem Mann zum nächsten aufgestellt hat. Sie will keine dauerhafte Bindung, wird schließlich auch auf Dauer immer wieder von ihren Partnern enttäuscht, doch obwohl ihr die Wirkung von Oxytocin und die potentielle Kurzzeitigkeit einer Anziehung bewusst sind, gibt sie sich ihr doch immer wieder aufs Neue hin: „Cos she’s longing to believe/ That it’s better to believe/ That this time the feeling won’t fade…“
Noch höher stlisiert Siem das Ringen mit inneren Zwängen in „Tug Of War“ hoch, doch ist ihre Lyrik meist bodenbehaftet und mit durchaus konkret modernen Details gespickt – wobei sie Facebook-Präsenzen oder das „X“ als Kusssymbol nicht gekünstelt an die große Glocke hängt, sondern so beiläufig erwähnt, wie sie selbstverständlich Teil eines kontemporären Beziehungslebens sein können. Die Songs auf „Most Of The Boys“ sind oft mehr Impressionen als Erzählungen und kurz gehalten, auch das Kammerorchester besteht hier nur selten aus einer ganzen Handvoll Streicher oder wie in „Nots And Do-Nots“ einer traditionellen Schlagzeug-Perkussion. Eingespielt mit Valgeir-Sigurðsson, dem Stammproduzenten von Bedroom Community (Nico Muhly, Ben Frost, Sam Amidon …) hinterlässt hier jeder Zupfer in intimem Rahmen eine deutliche Wirkung, voluminöse Verzerrung augmentiert harscher ansetzende Vocals und Anschläge.
Die Pizzicato-Streicher machen so aus „See Through“ einen unruhigen Ritt, während der nachgezogene Gesang selbst „Seamy-side“ eine verschleppte Rhythmik gibt. Und wo „So Polite“ in einer fülligeren orchestralen Inkarnation gediegenem Chanson nahe kommt, entsteht in dieser konzentrierten Albumfassung ein hölzern-klappriger Groove durch Stampf- oder Schlaggeräusche sowie Kontrabass. Diese Intensität passt zu Siems lebhaftem Vortrag, der mitunter einem schauspielerischen Dialog ähnelt. Aus ruhigem Gesang fällt sie immer wieder heraus, beginnt Zeilen energischer oder verengt und betont Silben unregelmäßig, zunehmend unruhig von Belästigungen berichtend und schließlich in enerviertem Tonfall einem wiederholt bekundeten „I don’t mind. I’m fine!“ einen verlogenen Zug gebend. Einen wortwörtlichen Widerspruch äußert sie nie, aus Angst vor all jenen, die dies als unziemlich empfinden. „And I just stay quiet coz/ We’re all so polite/ Coz we just want to be liked“, beschließt sie das Stück in sanftem Gesang, dessen bitterer Beiklang zwischen jeder Zeile steht.
Kurz vor Schluss ist „My Friend“ dann aber auch recht konventionell eine Streicher-Sternstunde, geradezu ausladend mit über drei Minuten Spielzeit. Zu warmer Instrumentierung kann es auch adressiert an die Protagonistin von „So Polite“ verstanden werden, wenn Siem mehr Selbstachtung („You’re worthy of more“) zuspricht, vor allem aber freundschaftliche Solidarität: „My friend, take care/ I dare to spend all of my life/ with my head on your heart/ With my heart on your head/ We’ll stand“.


