David BowieBlackstar
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Label:
RCA
VÖ:
08.01.2016
Referenzen:
Brian Eno, Scott Walker, John Cale, Nick Cave & The Bad Seeds, Peter Gabriel, Jim O'Rourke, Cream
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Autor: |
| Felix Lammert-Siepmann |
Die Rezension war so gut wie fertig, nur der letzte Feinschliff fehlte noch. Sie hätte damit begonnen, dass David Bowie nach dem auch schon sehr guten Comeback-Album „The Next Day“ noch einmal einen weiteren Schritt nach vorne gemacht hätte. Dann wäre eine Passage gekommen, dass „Blackstar“ zwar kein Jazz im klassischen Sinne ist – wie von einigen nach den Vorabsongs behauptet -, aber in der Tat etliche musikalische Facetten enthält, die wir bei Bowie zum allerersten Mal hören durften. Vieles glänzend umgesetzt, manches nicht so gut.
Doch kann all dies unmittelbar nach seinem Tod noch eine Rolle spielen? Vielleicht, wenn in elf Monaten wieder abschließend Bilanz über das Jahr gezogen wird oder demnächst erste Bücher und längere Essays über sein Wirken geschrieben werden. Jetzt herrscht große Traurigkeit und Betroffenheit vor. Erst am Wochenende habe ich mit einem Freund über Künstler gesprochen, die uns schon das ganze Leben begleitet haben. David Bowie war eine dieser zwei, drei Ausnahmeerscheinungen, auf die man sich immer einigen konnte. Permanent war er da, auch wenn er für längere Zeit kein Album veröffentlicht hatte. Scheinbar für jede Lebenssituation, für jeden Filmausschnitt fiel einem ein Zitat aus irgendeinem Bowie-Song ein.
Natürlich wären in einer regulären Rezension von „Blackstar“ auch die Texte ein Thema gewesen. Diese sind nämlich zuweilen an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Zeilen wie „You know, I’ll be free/ Just like that bluebird“ („Lazarus“), „I know something is very wrong/ The pulse returns the prodigal sons” („I Can’t Give Everything Away”) oder „If I’ll never see the English evergreens I’m running to” („Dollar Days”) sind rückblickend mehr als eindeutig. Über all dem steht zudem noch der zehnminütige, voller Mystik nur so strotzende Titeltrack, dessen Mittelpunkt eine einsam flackernde Kerze in einer Art Zwischenwelt im vor-christianisierten Skandinavien ist. Dass David Bowie hier über sich spricht, war nach den bisherigen Erfahrungen lediglich eine gleichberechtigte Möglichkeit unter vielen. Zu oft verwirrte er die Welt mit den verschiedensten Rollen, unzählige Male wechselte er seine Kostüme. Science Fiction, grenzenlose Euphorie, Kalter Krieg, auf der Klaviatur der Extreme konnte er problemlos hin- und hertanzen.
18 Monate lang soll David Bowies Kampf gegen den Krebs gedauert haben. Dem Album merkt man das nicht an. Es gibt keine Spur von Hektik, obwohl er sicherlich um seine begrenzte Zeit gewusst hat. „’Tis A Pity She Was A Whore“ und „Sue“, die beiden Songs also, die 2014 schon offiziell veröffentlicht wurden, bekamen sogar einen neuen, wärmeren Anstrich und fügen sich wie selbstverständlich in den Albumkontext ein. Und auch wenn ein Saxophon noch kein Jazzalbum macht, ist das ganze Werk durchzogen von einem zurückgelehnten, unglaublich geduldigen Sound, der abermals beweist, dass Bowie immer auf der Suche war und für sich nie in Anspruch nahm, ausgelernt zu haben. Im Titeltrack gibt es eine Stelle, die sich in einem Moment an „Thursday’s Child“ anlehnt und daraufhin in ein kleines „Warszawa“ übergeht. Einige Sekunden nur, doch während dieses Atemzugs bewegt sich die Welt nicht weiter. Es ist das genaue Gegenteil von Zeit. Alle Kategorien lösen sich auf, am ehesten bleiben noch Würde und Erinnerung.



Gestern habe ich noch im Redaktionsforum geschrieben, dass mir dieses Album mehr als gut gefällt und „Blackstar“ in die Wochenliste eingetragen.
Auch mich hat David Bowie fast mein ganzes Leben begleitet und kein Künstler hat mir mehr Alben verkauft.
Und dann heute morgen die Meldung seines Todes. Er wird fehlen.
Sehr bedauerlich und überraschend das Ganze!
Wurde wegen seines Todes bewusst auf eine Bewertung der Platte verzichtet?
@saihttam: Ja. Obwohl ich selbst jemand bin, der bei Rezensionen immer zuerst auf die Wertung schaut (und danach den Text zuweilen gar nicht genau weiterliest;)), erschien mir eine Zahl hier irgendwie nicht sinnvoll. Auch weil eine Bewertung ja immer so etwas wie die Essenz des Textes ist. Und im Text geht es ja höchstens am Rande ums Album.
Diese ganze Zurschaustellung von Betroffenheit in den sozialen Medien ist mir zuwider, dieses Hochkandidelte, den Heldenstatus Unterfütternde. Aber Bowies Tod hat mich wirklich zutiefst getroffen, was selten genug vorkommt. Einer der wenigen Musiker, den ich erst in den letzten zehn Jahren so richtig retrospektiv erschlossen habe – aber man ständig auf Gegenliebe stößt, weil man so viele Songs und Melodien einfach bereits kennt, weil sie ihren Klassikerstatus längst in der Popgeschichte etabliert haben. Diese Wort hier und der Verzicht auf eine Wertung sind richtig. Was bleiben wird ist sicherlich nicht „Blackstar“, sondern seine zehn Jahre zwischen ’68 und ’78. Dafür und für seinen Mut zur steten Wandlung (auch hinsichtlich Gender-Debatten) gebühren ihm noch einige Abende am Schallplattenspieler.
Ein Ausnahmetalent und Leitfigur für viele. Er wird fehlen.