„I Abused Animal“ ist vielleicht eins der seltsamsten Alben, das ich jemals zu Gehör bekommen habe. Nicht dass ich mich vor herausfordernden Klängen fürchten würde, vielmehr entzieht sich mir selbst nach mehrfach wiederholtem Abspielen des Werkes immer noch die Erkenntnis, wie sich das Gehörte beschreiben, geschweige bewerten lassen könnte. So entsteht ein Live-Versuch, der mich dazu bringt, eine Art Track-by-Track-Besprechung zu entwerfen, doch während die Einleitung immer noch nicht ganz fertig ist, ist Leigh bereits am Ende des zweiten Stücks „Quicksand“ angekommen.

Voller entrückter Betörung beginnt das erste Solo-Studioalbum der gebürtigen Amerikanerin, die nunmehr in Glasgow eine Heimat gefunden hat. Beinahe nur mit Stimme und einer intensiven Bearbeitung ihrer Pedal-Steel-Gitarre bewaffnet lässt sie sechs Stücke vom Stapel, von denen „All That Heaven Allows“, welches gerade in seiner ganzen künstlerischen Verzerrung ertönt, vielleicht das Sonderbarste ist. Erst nach knapp drei Minuten erhebt sich Leigh wie ein Racheengel über das wuchtige Solospiel und lässt den Hörer mit einer Art von Ahnung nach einer Melodie zurück, doch schon nach zwei weiteren Minuten ist wieder nur das Instrument zu hören, das sich wiederum jeglicher Melodie verwehrt und höchstens vage Motivfetzen als Anhaltspunkt anbietet. Fast könnte man annehmen, dass hier ein Gegengewicht zum nahezu völlig a cappella vorgetragenen Titelstück entsteht, doch bergen die zerklüfteten Distortionsmomente völlig andere Betrachtungsweisen.

Nach diesem Berserker von einem Lied(?) wird Leigh wieder zum Kontrapunkt ihrer eigenen Stimmung. Ohne Instrumente, lediglich mit einem Hauch von Nachhall spielend, erscheint „Passionate Reluctance“ auf der Bildfläche und lässt die vorhergehende Verwüstung in einen gravitätischen Vortrag münden. „The Return“ deutet es dann nicht nur klanglich an: Die Gitarre ist wieder da. Nervenstrapazierend durchbricht sie die klaustrophobische Seltsamkeit der vorhergehenden Minuten und erschafft so etwas wie einen skelettierten Rhythmus, dessen einziges Ziel es zu sein scheint, der Musikerin Paroli zu bieten. Fast wie ein „Beauty And The Beast“-Motiv verbinden sich hier Instrument und Urheberin, vielmehr zwängt Leigh ihre Gegenspielerin in ein Muster, aus dem sie nicht mehr auszubrechen droht. Schmeichelnd umwebt sie mit Stimme und Ausdruck ihr monströses Instrument, dem zum Ende hin aufgrund der ständigen Wiederholung so ein wenig die Luft ausgeht.

Während „Fairfield Fantasy“ mit windschiefen Arpeggios startet und Heather Leigh sich vorsichtig in Richtung Richard Dawson drängelt, stellt sich nun nach den ersten 30 Minuten erneut die Frage, wie viel Experiment und Seltsamkeit ein Album verträgt und schon nähert sich Leigh mit der nächsten, nicht eben leichteren Aufgabe. Die tonale Entfernung zwischen Gitarre und Singstimme wird schon beim ersten Einsatz Leighs in „Fairfield Fantasy“ auf eine harte Probe gestellt, scheinen doch nicht nur Ganztöne, sondern auch Halb-, Viertel-, vielleicht sogar Achteltöne nicht ganz ungewollt das Stück zu durchziehen. Keine leichte Hörausgabe also und dennoch bleibt es eine faszinierende Angelegenheit, der Künstlerin, die schon bei den amerikanischen Psych-Folkern von Charalambides tätig war und mit Jandek zusammen gearbeitet hat, bei der Entwicklung ihrer Songs beizuwohnen.

Nach knapp 10 Minuten ist auch dieser Spuk vorbei, doch bleiben nachhaltige Eindrücke. Wer ist das Tier, dem Leigh soviel Platz auf ihrem Album einräumt? Wie viel auf „I Abused Animal“ ist tatsächlich genauso geplant, was ist anscheinend von Improvisation oder Zufall gekennzeichnet? Es sind Fragen, die auch nach mehrmaligem Hören offen bleiben und das vielleicht sogar sollen. Nur so entsteht ein ungefähres Empfinden davon, was sich in der zerbrechlichen und flüchtigen, aber dennoch so unglaublich intensiven Musik einer Heather Leigh wiederfinden und dann vielleicht sogar lieben lässt.

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