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AUFTOUREN 2015 – Geheime Beute

(Das Beste? )Zum Schluss: Die Listen sind gemacht, die besten Plätze besetzt, doch kommen auch dieses Jahr wieder oft die schönsten Töne aus den hinteren Reihen. Daher möchten wir euch über die nächsten beiden Tage eine Auswahl von besonderen Empfehlungen machen. 30 eher weniger bekannte besondere Alben, für die es in unserer Jahresendliste dann doch zu eng wurde, die wir das ganze Jahr über zu rezensieren versäumt oder gar bisher ganz übersehen hatten. Viel Spaß mit der Geheimen Beute:


Domenique Dumont – Comme Ça [Anti Note]

Ohne großen Hype entwickelte sich der ultraweiche Strandpop des lettischen Duos zur Überraschungssensation des Jahres – auch deswegen, weil seine Reize nicht sofort deutlich werden. Gerade die Unschärfe und unterschiedlich vergilbte Klangqualität enthüllen erst langsam ihre unwirkliche Wirkung, wo anfangs nicht klar ist, inwieweit das Niedrige-Bitraten-Flimmern in „Un Jour Avec Yousef“ oder der verrauschte Unterwasser-Sound von „La Bataille De Neige“ absichtlich fehlerhaft sind. Doch die beiden Eröffnungssongs stellen mit zartem Gesang über locker dahintreibendem Groove neben sanftem Pop-Appeal auch das formidable Perkussionsgespür hervor, das diese Hängematten-Musik so dauerhaft anschmiegsam macht. (Uli Eulenbruch)


Moonlit Sun – Passages [Night Of Solitude]

Das Eröffnungsstück „Subterranean Passage“ heißt so, wie sich die Musik anhört. Langsam setzen sich scheinbar riesenhafte Maschinen in Bewegung, Pleuelstangen heben und senken sich und hartes Metall trifft auf dumpfe Wellenbewegungen. Aus unzähligen Texturen, die er im eigenen Studio aus Haushaltsgeräten und anderen musikfernen Utensilien herausarbeitet, erzeugt Jason Mauricio eine industrielle Avantgardemusik, die Lärm in lautmalerische Bilder verwandelt und Geräuschen Puls und Rhythmik verleiht. Monotonie wird zum Stilmittel wie in „Wind Meditation“, Katharsis Baustein für die zischende Fabrikhallensymphonie „Winter Factory“. Verfremdete Field Recordings für technoide Freaks – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. (Carl Ackfeld)


Julien Baker – Sprained Ankle [6131]

„Wish I could write songs about anything other than death“, klagt Julien Baker, dabei behandeln die neun Songs ihres Debütalbums eigentlich das Gegenteil. Doch wenn die 20-jährige Songwriterin aus Memphis, Tennessee auf „Sprained Ankle“ über das Leben singt, klingt das meist so endgültig, traurig und brutal, als sei eigentlich der Tod gemeint. Für ihre Geschichten über Drogenmissbrauch, schmerzhafte Trennungen, Selbstzweifel und das Hadern mit Gott benötigt Baker oft nur wenige Worte und eine Gitarre (oder ein Klavier). Denn obwohl „Sprained Ankle“ in Matthew E. Whites Spacebomb Studios in Richmond, Virginia entstand, die für geschmackvolle, üppige Arrangements bekannt sind (zum Beispiel auf dem Debütalbum von Natalie Prass), wirken die Songs eher wie intim-fragile Demos. „Sprained Ankle“ tut weh, spendet aber auch immer wieder Trost. (Daniel Welsch)


We Lost The Sea – Departure Songs [Translation Loss]

Mitten im heißen Juli 2015 erschien dieser musikalische Aufbruch der Band We Lost The Sea. Diese war zuvor noch eine durchaus umtriebige und bekannte Post-Hardcore-Gruppe, musste sich aber, nachdem sich ihr Sänger und Texter vor zwei Jahren das Leben genommen hatte, völlig neu erfinden. Die Australier beschlossen, ohne Sänger weiter zu machen. Mit „Departure Songs“ haben sie eine sehr schöne, bisweilen herausragende Postrock-Platte veröffentlicht, die sich auch hinter den Größendes Genres wie Mogwai nicht verstecken muss. Im Gegenteil: Dieses Album steckt voller erhabener Momente. (Mark-Oliver Schröder)


Barleaux – W Y L D D E S ! R E [Afternoons Modeling]

Du magst Pop und leicht angeschrägten Indie-Folk? Barleaux alias Hillary Richmond schafft es hier an den großen Heilsbringern vorbei und überzeugt – leider aber auch an der öffentlichen Wahrnehmung vorbei – mit nichts weniger als einem der sympathischsten Alben des Jahres. Immer mit absolutem Zug zur Melodie entwirft sie so organische wie originelle Stücke wie das entwaffnend herzerfrischende „Say Goodbye“. Luftig, gerne auch ein wenig ätherisch wie in der ersten Single „Fire“ lässt sie Sehnsuchtsmomente durch abgetönte Trompeten darstellen, schreckt aber auch nicht vor modernem und minimalistischem Sounddesign zurück. Und hat mit „Windows“ (nicht nur) einen Hit im Gepäck, der in einer besseren Welt die Chartspitzen in aller Herren Länder erobern muss. (Carl Ackfeld)


Insect Ark – Portal/Well [Autumnsong]

Dass Dana Schechter es perfekt beherrscht, dunkle Töne in noch dunklere Abgründe stürzen zu lassen, hat sie zuletzt mit ihrem Projekt Bee And Flower unter Beweis gestellt. „Portal/Well“ setzt Schechters Ideen und Einsamkeit und Leere jetzt noch einen kleinen Schritt eindrücklicher um. Repetitiver Doom und knisternde Drones, sonderbar verschränkt mit Drums aus dem PC überziehen das Album konsequent und mit einer geradezu greifbaren Radikalität. Hier macht sich deutlich bemerkbar, dass Schechter eine Zeit lang mit Michael Gira zusammengearbeitet hat. Mit der beklemmenden Weltuntergangsstimmung der letzten beiden Swans-Alben kann auch „Portal/Well“ mithalten, nur geschieht hier vieles nicht explosiv und ruckartig, sondern wie in Zeitlupe, was den Effekt nur noch zusätzlich verstärkt. (Felix Lammert-Siepmann)


Howie Lee – Mù Chè Shān Chū [Alpha Pup]

Der gebürtige Chinese Howie Lee bringt auf seinem Debütalbum „Mù Chè Shān Chū“ Musik zusammen, die nicht diametraler versetzt liegen könnte. Nach Stationen in London und Taipei verdichtet er nunmehr in Los Angeles lebend Alltagsgeräusche, hypermoderne Klangarchitektur und traditionelle chinesische Musik zu einem retrofuturistischen Konglomerat, das mit unbedingter Detailverliebtheit aufwartet. Alles flirrt, fließt und scheint die Gegensätzlichkeiten des modernen Chinas bis ins kleinste Detail aufzubrechen. Schlagwerke perlen oder prasseln und exotische Streicher wetteifern mit den bis zur Unkenntlichkeit nach oben oder unten gepitchten Gesangsspuren um die Wette. Dabei entsteht vom eröffnenden Gong-Dub „The Gate“ bis hin zum vorwärtsgewandten und in seinem Eklektizismus das ganze Album widerspiegelnden „Shang“ tanz- oder erfahrbare Bassmusik, irgendwo an der Grenze zwischen Trap, Hip-Hop und Dub Step. (Carl Ackfeld)


Kill The Vultures – Carnelian [Totally Gross National Product]

2015 war ein gutes Jahr für Grenzgänge zwischen Rap und Jazz. Für „To Pimp A Butterfly“ lud sich Kendrick Lamar zahllose Jazzmusiker wie Robert Glasper, Kamasi Washington oder Terrace Martin ins Studio, Ghostface Killah nahm „Sour Soul“ mit dem Jazztrio BADBADNOTGOOD auf und auch Kill The Vultures aus Twin Cities bewegen sich mit „Carnelian“ zwischen diesen beiden Polen. Mit den Klängen von Holz- und Blechbläsern, Streichern und Schlaginstrumenten erschafft Produzent Anatomy (Stephen Lewis) auf dem vierten Album des Duos Instrumentals, die zwischen der Eleganz von Cocktail-Jazz, der flirrenden Spannung von orchestraler Filmmusik und der Hektik von Free-Jazz-Eskapaden schwanken. Die unheimlichen und bedrohlichen Zwischentöne der Musik greift MC Crescent Moon (Alexei Casselle) auf und verarbeitet sie in abstrakten und düsteren Texten. (Daniel Welsch)


Home Blitz – Foremost & Fair [Richie / TestosterTunes ]

Daniel DiMaggio macht janglig hellen Power-Pop für Menschen, die Rockmusik nicht nur in studiogeschliffenem Sound fürs Radio und in großen Konzerthallen erleben wollen. Ist sein drittes Album als (beziehungsweise mit der mittlerweile vollwertigen Band) Home Blitz vergleichsweise sauberer im Sound als frühere, behält sie dennoch ihre „in der eigenen Garage aufgenommen“-Rappeligkeit und wirft gelegentlich Querschläger wie die Verzerrer-Ballade „The Hall“ ins Getriebe. Jenes Getriebe besteht dafür aus Hooks und catchigen Riffs noch und nöcher, die DiMaggio am liebsten in zweiminütigen Songparaden aneinanderreiht, ohne dass das Ohr eine Sekunde Zeit hat, sich nicht an mindestens einer Melodie zu erfreuen. (Uli Eulenbruch)


Red River Dialect – Tender Gold And Gentle Blue [Hinterground]

Es ist das sanfte, virtuose Gitarrenspiel, das die reinen und kontemplativen Folksongs von Red River Dialect ausmacht. Instrumentale Perlen wie der Sommerhauch „Child Song“ wechseln sich mit träumerischen Psych-Fantasien ab. Geigen-“Drones“ durchziehen nicht nur das hinreißend nach Incredible String Band klingende „Amelia“ und die akzentuierte Stimme David Morris‘ verwandelt die einfachen Melodien in zauberische Wesen, die dessen cornische Heimat, sehnsüchtelndes Fernweh oder daran verblassende Erinnerungen wiederaufleben lassen. Besonders im überlangen „Ring Of Kerry“ entsteht so eine ansteckende Sogwirkung, die sich fast mantraartig in den Köpfen festzusetzen scheint und nach und nach eine Art Schwebezustand verursacht. Gemeinsam mit einigen Könnern an ihren Instrumenten (unter anderem Nathan Salsburg) entsteht mit „Tender Gold And Gentle Blue“ eine spannende archaische Reise in die britische Folkvergangenheit. (Carl Ackfeld)


Nadia Reid – Listen To Formation, Look For The Signs [Spunk]

Je reicher die Stimme, desto karger die Instrumentierung. Doch ganz so minimalistisch sind die 10 Songs auf „Listen To Formation, Look For The Signs“ der 24jährigen Neuseeländerin gar nicht, wie es uns ihre herzbrechend vollmundige Stimme glauben machen will. Sanfte Gitarren, abgetönte Streicher, Schlagzeugbesen: Songs wie das düstere, hoffnungsschwere „Track Of The Time“ bekommen aber auch zuweilen deutliche Kontraste anhand gestellt, denn schon im darauf folgenden „Reaching Through“ bahnt sich die Sängerin den Weg durch ein stärkendes Folkrock-Geäst. Das Spiel mit den Stimmungen lässt an Laura Marling erinnern, doch nimmt Reids Stimme deutlich mehr Raum ein. Die Kraft des Albums entsteht aber deutlich in den sanften und stillen Momenten – Kraft, die sich in Emotion und Ausdruck verwandelt und aus dem Album einen ungeschliffenen Rohdiamanten machen. (Carl Ackfeld)


The Breathing Effect – Mars Is A Very Bad Place For Love [Alpha Pup]

Die Tasten klimpern gedimmt, die Blechbläser sind dermaßen gedämpft, dass sie sich in die analog warmen Synthwolken einschmiegen. Auf seinem Debütalbum beschwört das Duo aus Los Angeles eine ganz besonders bildhafte Mischung aus Jazz, Soul und Funk herauf, die in ihrem Sternenblick an frühen Krautrock (beziehungsweise dessen moderne Vertreter wie Von Spar) erinnert. Auch wenn das Schlagzeugspiel in seinen Verdichtungen weder unpräzise noch spärlich ist, wirkt diese einladende Sternenmusik selten schnell, sondern einem Traum gleich unscharf. (Uli Eulenbruch)


Downtown Boys – Full Communism [Don Giovanni]

Ein Instrument sicherte sich 2015 endgültig sein Comeback jenseits von Easy-Listening-Mief, das man so sicher nicht mehr auf dem Schirm hatte: Das Saxofon. Es tauchte auf diversen Alben auf, oder war sogar prägend bei den hervorragenden Werken von Colin Stetson und Sarah Neufeld („Never Were The Way She Was“ – avantgardistisch minimal), bei Kamasi Washingtons Opus Magnum „The Epic“ (klassisch, afro-futuristisch à la Alice Coltrane beziehungsweise Pharaoh Sanders) oder eben bei den Downtown Boys aus Providence. Diese Band besteht selbstredend für 2015 nicht nur aus „Boys“, sondern hat auch „Girls“ am Start und so teilt man/frau sich auch die Gesangsarbeit. Aber um den Gesang soll es hier gar nicht gehen, sondern um das Saxofon gehen, denn das hat hier ebenfalls seinen ganz großen flächendeckenden Auftritt und der knallt rein wie eine Agitprop-Mischung aus James Chance And The Contortions und den Dead Kennedys. Tipp für aufgeschlossene Punker. (Mark-Oliver Schröder)


Westkust – Last Forever [Luxury]

„Last Forever“ ist eines der Alben, bei denen man sich vollkommen unbeschwert genauso alt fühlen darf, wie die Mitglieder der Band es sind. Im Fall von Westkust dürfte das so rund um die 20 sein, vielleicht auch etwas weiter darunter. Die Schweden spielen mit einer so gewaltigen Unbekümmertheit auf, dass es vollkommen egal ist, dass einem mehr als der eine oder andere Akkord bekannt vorkommt. Und die Vorbilder sind in diesen Augenblicken nicht klein: Anleihen bei Pavement für die großen Melodien, bei Nirvana für den gestreckten Mittelfinger oder bei My Bloody Valentine für die verschrobenen Momente bilden eine nahezu unwiderstehliche Konstellation. (Felix Lammert-Siepmann)


Stara Rzeka – Zamknęły Się Oczy Ziemi [Instant Classic]

„Astral-hypnotische Gitarrenträume“, schrieb Kollege Uli bei der ersten Sichtung zur hiesigen Geheimen Beute. Er sollte recht behalten. Jakub Ziołek malt auf seinem zweiten und letzen Album strahlend schöne Gebilde, die an die ausufernden Kompositionen Moondogs oder Albert Aylers erinnern. Dabei entwickelt er allerdings eine fast lyrische Annäherung an seine gerne metaphysischen Themen, die er aus seiner eigenen Umwelt herausarbeitet. Bis in die Ewigkeit gezogene Drones treffen im scheinbar unendlich andauernden „W szopie, gdzie były oczy“ auf krautige Gefühlseruptionen und selbst im kurzen Intermezzo „Melodia“ lässt Ziołek seine Gitarre meditativ, doch niemals gleichförmig erklingen. Das Sich-im-musikalischen-Fluß-Verlieren wird zum scheinbar übergeordneten Konzept und lässt das Doppelalbum trotz über 80 Minuten Spielzeit nie langweilig werden. (Carl Ackfeld)


Cio D’Or – all in all. [Semantica]

Später als zunächst angekündigt erschien das mehrteilige Großwerk der Kölnerin schließlich über die zweite Jahreshälfte verteilt, doch derart geduldige Musik belohnt schließlich vor allem auch das Warten. Ein Trio von jeweils vier stimmungsvollen, dronigen, schwelgerisch ambienten Techno-Tracks zieht Cio D’or – auf Vinyl nebem dem eigentlichen Album auch noch über die Zusatzveröffentlichung „yocta yo yotta.“ – mit Weitsicht auf. In die Tropfsteinhöhlen und den gletscherhaften Acid-Dub der späteren Stücke gleitet man erst nach dem Lauf durch Prezioses und Grandioses im ersten Drittel, wo „now and then“ auch ohne stabilen Kick, mit stotterndem Knistern und wehmütigen Pianoandeutungen unter einem ominösen Streicherhimmel glänzt, nachdem man gerade zuvor durch „tomorrow and yesterday“ schon die volle cineastische Bildbreite erschöpft glaubte. (Uli Eulenbruch)


Yowler – The Offer [Double Double Whammy]

Ein Song auf „The Offer“ heißt „Bedroom Wall“, ein anderer „In The Bathroom“ und tatsächlich hat Maryn Jones ein sehr intimes Album aufgenommen, mit dem sie den Hörer in ihre eigenen vier Wände einlädt. Die acht minimalistischen Songs, die meist mit Gitarre und Gesang auskommen, hat die Frontfrau der Punkband All Dogs im Winter 2013/14 in ihrem Schlafzimmer aufgenommen. Viel passiert nicht auf „The Offer“, stattdessen scheinen einige Songs sogar beinahe sillzustehen. Dennoch entwickelt das Solodebüt von Jones einen unwiderstehlichen Sog, weil in den schlichten Arrangements eine hypnotische, meditative Kraft liegt und weil die poetischen Texte der Musikerin aus Columbus, Ohio so noch mehr im Fokus liegen. (Daniel Welsch)


Suiyoubi No Campanella – Zipang [Tsubasa]

Wer sich dieses Jahr von Grimes noch mehr Experiment und von PC Music besseres Songwriting gewünscht hätte, kann beides hier finden. Die charismatischen Vocals von Koumai, öfter in Sprechgesangs-Flow als tatsächlich singend, bringen selbst in die glatteren Produktionen ihrer Co-Komponisten unruhige Wellen oder reiten lieber direkt den Trap-Beat von „Cho Hakkai“. Noch eigener wird es, wenn sich „Shakushain“ mit rappelnder Handperkussion und Stimme auch ganz ohne Melodie aufbaut, völlig abgehoben dann das Footwork-artige „Uran-Chan“, wo die Vocals die genreüblichen Sample-Loops live imitieren. (Uli Eulenbruch)


The OO-Ray – Empty Orchestra [New Ruin]

Der Name ist in vielerlei Hinsicht Programm, bis auf eine Ausnahme: „empty“ ist hier sicherlich nichts. Die Vitalität, die „Empty Orchestra“ von der ersten Sekunde ausstrahlt, ist ganz im Gegenteil eindrucksvoll. Teb Zaberas aus Portland spielt sich als Ein-Mann-Orchester vor karger Drone-Kulisse die Seele aus dem Leib, übersprudelnd vor verschiedenen Ansätzen. Dabei gelingt es ihm, den normalweiser eher statischen Drones durch den Einsatz von Cello und Co. ein mehr als ebenbürtiges Gegenstück vorzusetzen, sie so mit Leben zu füllen und darüber hinaus komplett neu funktionieren zu lassen: als Flickenteppich unterschiedlichster dynamischer Soundansätze von Shoegaze bis Noise Pop. (Felix Lammert-Siepmann)


ABRA – Rose [Awful]

„All I ever wanted/ and all i ever need/ is a beat and a hum/ that can make me feel/ human“, erklärt die Atlanterin gleich zu Beginn ihres Debütalbums. Anstatt die Simplizität ihrer Klangpalette (vor allem der Drum Machine) zu verhüllen, macht sie wie in „Roses“ oder „Atoms“ daraus ein abfängliches Ablenkungsmanöver: Ihr DIY-R’n’B-Pop entwickelt sich dazwischen, aus minimalistisch-ominösen Synthakzentuierungen und vor allem den eigenwillig verwinkelten Stimmschichtungen und -harmonien. Dass die auch ganz alleine für sich stehen können, beweist „Pride“ mit einem fünfminütigen A-cappella-Arrangement im ABRA-eigenen Stimmungs-Dämmerlicht. (Uli Eulenbruch)


Elysia Crampton – American Drift [Blueberry]

Beats ohne Bässe, Melodien und Vocals als Rhythmusgeber – in Elysia Cramptons Tracks verschwimmen Grenzen. Weniger als bei ihren bisherigen Veröffentlichungen als E+E sampelt sie auf „American Drift“, das noch mehr ihre Identität als Transfrau reflektiert und himmlisch-abgründige Wege geht. Rhythmisch dicht gleitet „Wing“ voller Schellen und Glocken mit solch bemessen intuitiven Umschwüngen voran, dass man anschließend die Spielzeit genausogut auf halb oder doppelt so lang schätzen könnte – wenig andere Musik klang dieses Jahr so frei und packend zugleich. (Uli Eulenbruch)


Monk Parker – How The Spark Loves The Tinder [Bronze Rat]

Parker Noon (Parker & Lily, The Low Lows) nennt sich für sein Solo-Debüt Monk Parker und trifft damit voll ins Schwarze. Nicht nur was sein Moniker angeht, denn die erhabenen Kompositionen auf „How The Spark Loves The Tinder“ sonnen sich häufig in sakralem Glanz. Durchzogen von Melancholie und Schwermut bereitet Parker mit einer ganzen Herrschar an Musikern (unter anderem Mike St. Clair von Okkervil River) ein feierliches Album zu, dessen Klangdichte seinesgleichen sucht. Songs wie etwa „The Happy Hours“ bauen sich scheinbar von Ewigkeit zu Ewigkeit auf, um dann mit nur wenig Varianz ein voll tönender Country-Gospel zu werden, inklusive hymnischer Blechbläser-Sektion. Spätestens dann wähnt man sich fern des Heimatlandes, Wehmut im Blick und lauscht den finsteren Betrachtungen Parkers, die sich nicht immer ganz einfach wieder aus dem Gedächtnis löschen lassen. (Carl Ackfeld)


Bambi Davidson – Parting Glances [Claremont 56]

Ein wenig wie Kurt Vile oder Neil Young im Kraut-Disco-Gewand wandelt der Titelsong über glorreiche 13 Minuten, jeder Saiten- oder Perkussionsanschlag in wohlige Unendlichkeit gestreckt. Mit „Artist“ streckt zwischendurch auch mal ein strengerer Groove seinen Kopf durch die Tür, doch entspult spielt es sich für das Quartett aus München am besten. Egal ob „Fox Hunting“ graduell anziehend in Bläser-Strichen inmitten von atmosphärisch dichten Windzügen gipfelt, „Cattle“ perkussiv klappert oder „Hubble“ synthig umwoben wird, dies ist sonnige Wald- oder auch Strandmusik zum entspannten Hineingleiten. (Uli Eulenbruch)


Makaya McCraven – In This Moment [International Anthem]

Energetisch, variabel, auf den Punkt. Dem Drummer Makaya McCraven hätte 2015 dasselbe passieren können wie Kamasi Washington, denn auch sein Album „In The Moment“ beweist, wie aktuell und trotzdem traditionsbewusst eine Soundmelange aus zeitgenössischem Jazz und modernen HipHop-Beats sein kann. McCraven rhythmisiert seine instrumentalen Kunstwerke mit gewiefter Lässigkeit, lebt jedoch auch mit dem Manko, kein Melodieinstrument an der Hand zu haben. Dass dennoch das Schlagzeug hier die Hauptrolle spielt, wird stetig deutlich, selbst wenn sich einzelne Holz- und Blechbläser immer mal wieder im Vordergrund aufhalten. Die aus insgesamt 48 Stunden Livematerial zusammengeschnittenen 19 Tracks zeigen Bandbreite und Fingerfertigkeit, ohne zerstückelt zu wirken, vor allem im manisch-virtuosen „First Thing First“, das mit gut über 12 Minuten Spielzeit den größten Raum des Albums einnimmt. Ein Album des Augenblicks, deutlich weniger aufmerksamkeitsheischend als sein epischer „Bruder im Geiste“, aber eben dennoch mindestens genau so gut. (Carl Ackfeld)


Dylan Stark – Heartland [Civil Music]

Das Erstaunliche an Dylan Starks endlos bunter Musik ist wohl vor allem, dass sie nicht nervt. In „Shelter“ trifft Panda Bear auf Caribou mit Steel Drums und kreisenden Choral-Samples, „Northern“ lässt hymnisch gemächlichen Cloud Rap vom Stapel und im Titelstück kann man sich The Field auf einem Tropenrave vorstellen, während das finale „Now“ M83-Orgelei in digitalem Noise zergehen lässt. Stark schichtet loopende Vocals und voranstapfende Beats in einer Frische und Fröhlichkeit, dass es auf Dauer zu penetrant werden könnte, geht aber dank der Erhabenheit der Stimmen nicht einmal an „Merriweather Post Pavilion“-Überschwang heran. Auch erstaunlich ist, dass „Heartland“ bei diesem Referenzreichtum wirkt, als habe es diese Antezedenten nie gegeben – Starks euphorische Entladungen haben ihre eigene Wellenlänge. (Uli Eulenbruch)


Daniel Knox – Daniel Knox [Carrot Top]

Wem Destroyers „Poison Season“ mit zu wenig „richtigem“ Gesang gesegnet war, darf in diesem Jahr beruhigt zu Daniel Knox greifen. Dessen fulminanter Bariton veredelt die 10 Stücke auf seinem selbstbetitelten Album mit Augenzwinkern und sanfter Schelmerei, bisweilen darf auch ein auch wenig hintergründiger Sarkasmus nicht fehlen. Opulente Streicher, tänzelnde Electronica, fintenreiches Jazz-Piano: Das dritte Album des haarigen Crooners ist ein edles und vollmundiges Vintage-Album geworden, nicht unähnlich der The-Divine-Comedy-Großtat „Absent Friends“. Mit wahrer Wonne treffen süße Melodien auf bittere und inhaltsschwere Texte und verwandeln nicht nur das Doppel „Blue Car“ und „Car Blue“ in flirrend schöne Popballaden. Reichhaltig, süffig und doch ein wenig antiquiert fegt Knox die Scherben einer angestaubten Barjazz-Revue zusammen und verbindet sie neu zu einem schummrigen Popmelodram in bester „Nighthawks-“Tradition. (Carl Ackfeld)


GAIKA – Machine

Einen Tricky für das neue Jahrtausend haben wir mit FKA twigs zwar schon, aber ein zweiter kann auch nicht schaden. GAIKA lebt in Brixton, dennoch trägt sein Debüt-Mixtape ebenso viel Bristol-Sound in der musikalischen DNA wie gothigen Instrumental-Grime und auch wenn sie selten Industrial-aufgerieben ist, spricht schon der Titel vom Ansinnen, den Menschen inmitten vom unerbittlichen Maschinentreiben der Musik zu situieren. Das setzt GAIKAs melodisch brüchige Stimme in „Bohdy Knows At 90“ zu wenig hoffnungsvollem Sphären-R’n’B, einer Art abstrakt-höllischem Dancehall in „Deco“ oder dem erdrosselten Breakbeat von „Nquika“, durchweg dystopisch das britische Leben unter Cameron bezeugend. (Uli Eulenbruch)


Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power [Glitterbeat]

Auf dem vierten Album mit seiner Band Ngoni Ba hat sich der Malier endgültig eine eigene Form des Bluesrock zusammengezimmert. Die Weiterentwicklung des traditionellen Saiteninstruments Ngoni um mehr Saiten, andere Stimmlagen und elektrische Klangverstärkung und -verfremdung reizt er hier intensiver denn je aus. Mit einem wahren Ensemble unterschiedlicher Ngonis und auch rhythmisch wächst so „Waati“ oder das betrötete „Musow Fanga“ zu nahezu unüberschaubarer Dichte und Komplexität an, dennoch bleibt ihre Zielrichtung Groove-gefasst, mit abwechselndem Fokus auf Kouyatés filigran-fuzziges Leadspiel und den Gesang seiner Partnerin Amy Sacko. Auch wenn es nicht unter solch widrigen Umständen wie das Vorgängerwerk „Jama Ko“ entstand, blieben die Aufnahmesessions zu „Ba Power“ kurz, bündig und roh – der Leichtigkeit dieser „großen Power“ tut das keinen Abbruch. (Uli Eulenbruch)


Teen Girl Scientist Monthly – HYPER TROPHY

Teen Girl Scientist Monthly machen erfrischenden, zuweilen ein wenig anstrengenden, vor allem aber hyperaktiven Pop an der Schwelle zu Dance und Punk. Überdrehter Wechselgesang wie im halsbrecherischen „Lions“, das dann kurz vor Schluss seine überraschende Atempause macht, dazu quietschfidel fiepende Synthie-Klänge, Dauerfeuer an Hi-Hat und Snare-Drums, sich überschlagende Gitarrenakkorde: „HYPER TROPHY“ ist ein wahres Füllhorn ungestümer Lust am Musizieren und das merkt man dem Album in jeder Sekunde an. Zappeliger als eine Horde Kindergartenkinder spielt das Sextett um die Sänger Matt Roi Berger und Morgan Lynch begeisternden brooklyninfizierten Pop mit Herz und Seele und macht vor allem eins: unfaßbar viel Spaß. (Carl Ackfeld)


Sons Of Kemet – Lest We Forget What We Came Here To Do [Naim Jazz]

Die Musik von Sons Of Kemet ist immer in Bewegung. Jeder Song auf dem zweiten Album „Lest We Forget What We Came Here To Do“ des Londoner Jazz-Quartetts beginnt mit einem Rhythmus – oder genauer: mit vielschichtigen, oft spannungsreichen Rhythmen der beiden Schlagzeuger Tom Skinner und Seb Rochford. Zusammen mit der Tuba von Theon Cross bilden sie das Fundament der neun Songs, die mal von Militärmusik und Marching Bands, mal von karibischen oder westafrikanischen Tänzen inspiriert wurden. Dazu entlockt der 31-jährige Bandleader Shabaka Hutchings seinem Saxophon oder seiner Klarinette ebenfalls bratzige, perkussive Sounds oder kontrastiert das vielschichtige Geklöppel mit schmachtenden Melodien. Das Ergebnis ist ein spannender, wilder Stilmix, den Hutchings, der zwischen London und Barbados aufwuchs, als Diaspora- oder Bastard-Jazz bezeichnet. (Daniel Welsch)

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