AUFTOUREN 2015Geheime Beute

AUFTOUREN 2015 - Geheime Beute

Elysia Crampton – American Drift [Blueberry]

Beats ohne Bässe, Melodien und Vocals als Rhythmusgeber – in Elysia Cramptons Tracks verschwimmen Grenzen. Weniger als bei ihren bisherigen Veröffentlichungen als E+E sampelt sie auf „American Drift“, das noch mehr ihre Identität als Transfrau reflektiert und himmlisch-abgründige Wege geht. Rhythmisch dicht gleitet „Wing“ voller Schellen und Glocken mit solch bemessen intuitiven Umschwüngen voran, dass man anschließend die Spielzeit genausogut auf halb oder doppelt so lang schätzen könnte – wenig andere Musik klang dieses Jahr so frei und packend zugleich. (Uli Eulenbruch)


Monk Parker – How The Spark Loves The Tinder [Bronze Rat]

Parker Noon (Parker & Lily, The Low Lows) nennt sich für sein Solo-Debüt Monk Parker und trifft damit voll ins Schwarze. Nicht nur was sein Moniker angeht, denn die erhabenen Kompositionen auf „How The Spark Loves The Tinder“ sonnen sich häufig in sakralem Glanz. Durchzogen von Melancholie und Schwermut bereitet Parker mit einer ganzen Herrschar an Musikern (unter anderem Mike St. Clair von Okkervil River) ein feierliches Album zu, dessen Klangdichte seinesgleichen sucht. Songs wie etwa „The Happy Hours“ bauen sich scheinbar von Ewigkeit zu Ewigkeit auf, um dann mit nur wenig Varianz ein voll tönender Country-Gospel zu werden, inklusive hymnischer Blechbläser-Sektion. Spätestens dann wähnt man sich fern des Heimatlandes, Wehmut im Blick und lauscht den finsteren Betrachtungen Parkers, die sich nicht immer ganz einfach wieder aus dem Gedächtnis löschen lassen. (Carl Ackfeld)


Bambi Davidson – Parting Glances [Claremont 56]

Ein wenig wie Kurt Vile oder Neil Young im Kraut-Disco-Gewand wandelt der Titelsong über glorreiche 13 Minuten, jeder Saiten- oder Perkussionsanschlag in wohlige Unendlichkeit gestreckt. Mit „Artist“ streckt zwischendurch auch mal ein strengerer Groove seinen Kopf durch die Tür, doch entspult spielt es sich für das Quartett aus München am besten. Egal ob „Fox Hunting“ graduell anziehend in Bläser-Strichen inmitten von atmosphärisch dichten Windzügen gipfelt, „Cattle“ perkussiv klappert oder „Hubble“ synthig umwoben wird, dies ist sonnige Wald- oder auch Strandmusik zum entspannten Hineingleiten. (Uli Eulenbruch)


Makaya McCraven – In This Moment [International Anthem]

Energetisch, variabel, auf den Punkt. Dem Drummer Makaya McCraven hätte 2015 dasselbe passieren können wie Kamasi Washington, denn auch sein Album „In The Moment“ beweist, wie aktuell und trotzdem traditionsbewusst eine Soundmelange aus zeitgenössischem Jazz und modernen HipHop-Beats sein kann. McCraven rhythmisiert seine instrumentalen Kunstwerke mit gewiefter Lässigkeit, lebt jedoch auch mit dem Manko, kein Melodieinstrument an der Hand zu haben. Dass dennoch das Schlagzeug hier die Hauptrolle spielt, wird stetig deutlich, selbst wenn sich einzelne Holz- und Blechbläser immer mal wieder im Vordergrund aufhalten. Die aus insgesamt 48 Stunden Livematerial zusammengeschnittenen 19 Tracks zeigen Bandbreite und Fingerfertigkeit, ohne zerstückelt zu wirken, vor allem im manisch-virtuosen „First Thing First“, das mit gut über 12 Minuten Spielzeit den größten Raum des Albums einnimmt. Ein Album des Augenblicks, deutlich weniger aufmerksamkeitsheischend als sein epischer „Bruder im Geiste“, aber eben dennoch mindestens genau so gut. (Carl Ackfeld)


Dylan Stark – Heartland [Civil Music]

Das Erstaunliche an Dylan Starks endlos bunter Musik ist wohl vor allem, dass sie nicht nervt. In „Shelter“ trifft Panda Bear auf Caribou mit Steel Drums und kreisenden Choral-Samples, „Northern“ lässt hymnisch gemächlichen Cloud Rap vom Stapel und im Titelstück kann man sich The Field auf einem Tropenrave vorstellen, während das finale „Now“ M83-Orgelei in digitalem Noise zergehen lässt. Stark schichtet loopende Vocals und voranstapfende Beats in einer Frische und Fröhlichkeit, dass es auf Dauer zu penetrant werden könnte, geht aber dank der Erhabenheit der Stimmen nicht einmal an „Merriweather Post Pavilion“-Überschwang heran. Auch erstaunlich ist, dass „Heartland“ bei diesem Referenzreichtum wirkt, als habe es diese Antezedenten nie gegeben – Starks euphorische Entladungen haben ihre eigene Wellenlänge. (Uli Eulenbruch)


Daniel Knox – Daniel Knox [Carrot Top]

Wem Destroyers „Poison Season“ mit zu wenig „richtigem“ Gesang gesegnet war, darf in diesem Jahr beruhigt zu Daniel Knox greifen. Dessen fulminanter Bariton veredelt die 10 Stücke auf seinem selbstbetitelten Album mit Augenzwinkern und sanfter Schelmerei, bisweilen darf auch ein auch wenig hintergründiger Sarkasmus nicht fehlen. Opulente Streicher, tänzelnde Electronica, fintenreiches Jazz-Piano: Das dritte Album des haarigen Crooners ist ein edles und vollmundiges Vintage-Album geworden, nicht unähnlich der The-Divine-Comedy-Großtat „Absent Friends“. Mit wahrer Wonne treffen süße Melodien auf bittere und inhaltsschwere Texte und verwandeln nicht nur das Doppel „Blue Car“ und „Car Blue“ in flirrend schöne Popballaden. Reichhaltig, süffig und doch ein wenig antiquiert fegt Knox die Scherben einer angestaubten Barjazz-Revue zusammen und verbindet sie neu zu einem schummrigen Popmelodram in bester „Nighthawks-“Tradition. (Carl Ackfeld)


GAIKA – Machine

Einen Tricky für das neue Jahrtausend haben wir mit FKA twigs zwar schon, aber ein zweiter kann auch nicht schaden. GAIKA lebt in Brixton, dennoch trägt sein Debüt-Mixtape ebenso viel Bristol-Sound in der musikalischen DNA wie gothigen Instrumental-Grime und auch wenn sie selten Industrial-aufgerieben ist, spricht schon der Titel vom Ansinnen, den Menschen inmitten vom unerbittlichen Maschinentreiben der Musik zu situieren. Das setzt GAIKAs melodisch brüchige Stimme in „Bohdy Knows At 90“ zu wenig hoffnungsvollem Sphären-R’n’B, einer Art abstrakt-höllischem Dancehall in „Deco“ oder dem erdrosselten Breakbeat von „Nquika“, durchweg dystopisch das britische Leben unter Cameron bezeugend. (Uli Eulenbruch)


Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power [Glitterbeat]

Auf dem vierten Album mit seiner Band Ngoni Ba hat sich der Malier endgültig eine eigene Form des Bluesrock zusammengezimmert. Die Weiterentwicklung des traditionellen Saiteninstruments Ngoni um mehr Saiten, andere Stimmlagen und elektrische Klangverstärkung und -verfremdung reizt er hier intensiver denn je aus. Mit einem wahren Ensemble unterschiedlicher Ngonis und auch rhythmisch wächst so „Waati“ oder das betrötete „Musow Fanga“ zu nahezu unüberschaubarer Dichte und Komplexität an, dennoch bleibt ihre Zielrichtung Groove-gefasst, mit abwechselndem Fokus auf Kouyatés filigran-fuzziges Leadspiel und den Gesang seiner Partnerin Amy Sacko. Auch wenn es nicht unter solch widrigen Umständen wie das Vorgängerwerk „Jama Ko“ entstand, blieben die Aufnahmesessions zu „Ba Power“ kurz, bündig und roh – der Leichtigkeit dieser „großen Power“ tut das keinen Abbruch. (Uli Eulenbruch)


Teen Girl Scientist Monthly – HYPER TROPHY

Teen Girl Scientist Monthly machen erfrischenden, zuweilen ein wenig anstrengenden, vor allem aber hyperaktiven Pop an der Schwelle zu Dance und Punk. Überdrehter Wechselgesang wie im halsbrecherischen „Lions“, das dann kurz vor Schluss seine überraschende Atempause macht, dazu quietschfidel fiepende Synthie-Klänge, Dauerfeuer an Hi-Hat und Snare-Drums, sich überschlagende Gitarrenakkorde: „HYPER TROPHY“ ist ein wahres Füllhorn ungestümer Lust am Musizieren und das merkt man dem Album in jeder Sekunde an. Zappeliger als eine Horde Kindergartenkinder spielt das Sextett um die Sänger Matt Roi Berger und Morgan Lynch begeisternden brooklyninfizierten Pop mit Herz und Seele und macht vor allem eins: unfaßbar viel Spaß. (Carl Ackfeld)


Sons Of Kemet – Lest We Forget What We Came Here To Do [Naim Jazz]

Die Musik von Sons Of Kemet ist immer in Bewegung. Jeder Song auf dem zweiten Album „Lest We Forget What We Came Here To Do“ des Londoner Jazz-Quartetts beginnt mit einem Rhythmus – oder genauer: mit vielschichtigen, oft spannungsreichen Rhythmen der beiden Schlagzeuger Tom Skinner und Seb Rochford. Zusammen mit der Tuba von Theon Cross bilden sie das Fundament der neun Songs, die mal von Militärmusik und Marching Bands, mal von karibischen oder westafrikanischen Tänzen inspiriert wurden. Dazu entlockt der 31-jährige Bandleader Shabaka Hutchings seinem Saxophon oder seiner Klarinette ebenfalls bratzige, perkussive Sounds oder kontrastiert das vielschichtige Geklöppel mit schmachtenden Melodien. Das Ergebnis ist ein spannender, wilder Stilmix, den Hutchings, der zwischen London und Barbados aufwuchs, als Diaspora- oder Bastard-Jazz bezeichnet. (Daniel Welsch)

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