Aïsha Devi Enz ist schon weit gereist in Dance-Kreisen – wenn auch unter anderem Namen. Nicht nur durch ihre eigenen Techno-Produktionen, auch mit idiosynkratischen Vocals in Kollaborationen tat sie sich hervor, ehe sie 2006 ihr erstes Album als Kate Wax veröffentlichte. Dem folgte 2011 nach einer Babypause das kühle, strukturell aber auch songhaftere „Dust Collision“, das auf James Holden Border Community ein wenig wie ein nordischer Artpop-Ausläufer wirkte – dabei residiert sie eigentlich am Ufer des Genfer Sees.

Von Beginn an waren Vocals für ihre Musik ebenso prägend wie der Beat, so dass sich auf der Single von „Dust Collision“ kein Instrumental, wohl aber eine A-capella-Version des Titelstücks befand. Doch obwohl ihre technischen Fähigkeiten dank klassischer Gesangsausbildung über denen der meisten (typischerweise flachstimmigen) Produzenten liegen, fühlte sie sich zunehmend kreativ eingeeng und beschloss den Neuanfang unter eigenem Namen. Mit Danse Noire gründete sie ihr eigenes Label und schon die erste Veröffentlichung zeigte Aïsha Devi vor allem in „Clean Ur Chakras“ neu orientiert. Während des Erforschens ihrer kulturellen Wurzeln hatte sich bei der Tochter eines Tibeters eine Faszination mit den freieren Tonskalen südasiatischer Kulturräume entwickelt, die Devi in Anbindung an die Parallelen zu kommunalen Riten und geistiger Befreiung in der Dance-Kultur auf „Matter And Spirit“ zu einer Art spirituellem Folk der digitalen Moderne weiterentwickelt hat. Wohlgemerkt ist dieser Sound alles andere als esoterische Zuckerwatte.

So bildet ein an die Kehlgesänge tibetanischer Mönche angelehnter Drone zunächst das Fundament von „Initiation To An Illusion“, doch schnell wächst der Track zu noisiger Wahrhaftigkeit an. Über ungleichmäßig einfallenden Basstritten mit Höhlenecho ziehen metallenes Sirren und Feedback wie der Nachhall einer akustischen Sinnesüberlastung auf, ein Stimmenpaar erhebt sich in schamanischer Beschwörung, noch eindringlicher weil die quieksig hohen Tonsprünge durch das nahtlose Ineinanderschneiden von Samples in menschlich unmöglicher Sofortigkeit geschehen. Bei „Mazdâ“ sind die Hochklänge sanfter ekstatisch losgelöst inmitten von Dampfrauschen und gläserner Perkussion, „Numen J“ ist zwar durch flink bollernde Bässe harscher, bietet aber ebenso wie das gesamte Album immer wieder meditativ leichte Sequenzen.

Vor allem dank solch konstrastierender Klangextreme vermag „Of Matter And Spirit“ mehr als Atmosphäre zu erzeugen. Die musikalische Umgebung beeinflusst durch Hörwahrnehmung den Kopf, durchaus auch im psychedelischen Sinne, wobei die Motive dieser Bewusstseinsänderung durchaus weltliche sind: Referenziert „Kim & The Wheel Of Life“ noch Kiplings Betrachtung buddhistischer Reinkarnationsphilosophie, zitiert Devi auf dem folgenden „Aurat“ aus einem Gedicht der pakistanischen Feministin Kishwar Naheed. Auch das folgende „1%“ lässt sich so als überaus politisches Klangwerk sehen: Aufreibend dicht poltern dort vier Anschläge in einem Takt auf, die jeweils nächsten drei halten beatlos den Atem an. Devis zu Beginn liturgischer Singsang-Tonfall wird abgelöst von einem unverständlichen, doch mehrstimmig tonal immer höher geschichtetem Loop, nach einem Breakdown intensiviert ein umnebeltes Peitschen den ohnehin schon martialischen Grundton noch weiter.

Gerade in solchen Momenten fällt aber auch auf: Während ähnlich futuristische Klangräume wie die von Rabit oder Visionist das Individuum im Chaos isoliert stehen haben, liegt selbst in den abgründigeren Klangräumen Devis eine Grundhoffnung. Ihre Erfahrung ist eine gemeinsam geteilte.

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