VisionistSafe
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Label:
PAN
VÖ:
16.10.2015
Referenzen:
Fatima Al Qadiri, Logos, Kuedo, Oneohtrix Point Never, Angel-Ho, Dark0, Rabit
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Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Die Grenzen der Sprache umgangen: Nach seinen Anfängen als Rapper konzentrierte sich der Londoner Louis Carnell alias Visionist aufs Produzieren von Grime-Instrumentals, die bald auch nicht mehr auf MCs angewiesen waren. Im Gegenteil entdeckte er die Macht der Leerräume, so stand er gleichermaßen der „Weightless“-Ästhetik nahe als auch den futuristischen Basswelten von Fade To Mind und Lit City Trax, wo er über die letzten beiden Jahre seine zwei „I’m Fine“-EPs veröffentlichte. Der Betitelung seiner Werke folgend könnte sein Debütalbum eine Kulmination des Wohlfühlens darstellen, doch im Gegenteil: „Safe“ ist eine vertonte Panikattacke.
Nur vereinzelt sind darauf mal vollständig zu Worten geformte Silben wie das kindhaft-jämmerliche „pain“ in „1 Guarda“ ausmachbar, aberdie menschliche Stimme ist die zentrale Komponente von Visionists Kompositionen. Sie kommuniziert, was verbal nicht gleichermaßen abbildbar ist und formt sich in langgezogenen Vokalen zu ätherischen Echoflächen oder misstönig verbogenen Melodien, denen dennoch eine eigenwillige Schönheit innewohnt. Ein hartnäckiger Vocal-Loop stochert in „Vffected“ durch harsch verzerrte Anschläge, die mit wenig Basskörper mehr schaben als tatsächlich kicken. Irgendwo darüber kreist ein in Heliumhöhen gepitchter Hilferuf durch anteilnahmslos raunende Wolken, mit ihrer engelsgleichen Anmut breiten sie sich jedoch zunehmend aus und verdrängen alles andere, bis sie am Schluss langsam in ihre einzelnen Segmente zerfasern und zu nervösem Geschnatter verkommen.
Für etwas, das als Beatmusik firmieren könnte, ist „Safe“ nicht gerade tanzbar und auch nicht sonderlich basshaltig. Stücke wie „Tired Tears, Awake Fears“ und „Sin-cere“ sind zwar rhythmisch, aber nahezu völlig ambient gehalten und in „Too Careful Too Care“ wummert es zwischen maschinellem Surren und Fiepen nur gelegentlich dumpf aus den Eingeweiden. Nach ersten Anzeichen von Beunruhigung in „You Stayed“ bringt dafür zu Beginn des Albums „Victim“ den nervösen Stein wuchtig ins Rollen, mit Grime-typischer Dichte feuert es Kicks aus aggressiven Schusssalven ab, die sich vor der ebenso metallenen Snare oft doppeln und verdreifachen, doch auch diese sind an die luftigen Hochtöne der Vocal-Wellen gekoppelt.
Im Titelstück scheint das Chaos nicht mehr abwendbar, wenn melodiegewordene Stimmen und stimmgewordene Melodien alle in den selben begrenzten Raum drängen. Visionist will auch keine Lösung für die krankhafte Anspannung bieten, wenn sich selbst im potentiell meditativen Wasserplätschern des finalen „Sleep Luxury“ immer noch die Gedanken unruhig loopen, nur zeigen, wie es ist, gefangen im eigenen Kopf zu sein. So ist „Safe“, so andersweltlich und befremdlich es auch klingt, letztlich ein zutiefst persönliches und intimes Werk.


