DeafheavenNew Bermuda
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Label:
Anti-
VÖ:
02.10.2015
Referenzen:
Woods Of Desolation, An Autumn For Crippled Children, Sivyj Yar
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Autor: |
| Mark-Oliver Schröder |
Ich glaube, es ist nicht vermessen zu behaupten, dass man die Zeit nach „Sunbather“ in ein Davor und ein Danach teilen kann, wenn nicht sogar muss. 2013 teilte dieses epochale Album von Deafheaven die Zeit und definierte den Zustand des (Post-)Black Metal neu. Es nahm viele lose Fäden und Spuren die gelegt worden waren auf, fügte sie – ohne die einzelnen Songs zu vernachlässigen – perfekt in einen werksumspannenden Kosmos zusammen und öffnete das Genre wie kein anderes Werk davor für neue Hörerschichten. Wer eines ihrer Konzerte gesehen hat, wird auch einen angenehm hohen Anteil an weiblichem Publikum bemerkt haben. Das ist erwähnenswert, weil Black Metal bis dahin vorwiegend als Jungs und Männer Veranstaltung wahrgenommen wurde und teilweise auch noch wird. Wer allerdings einmal aufmerksam bei Bandcamp stöbert, wird sehen, wie viele Protagonistinnen die Metalgemeinde durch alle Genres zu bieten hat.
Aber ich schweife ab, zurück zum Ausgangspunkt: „Sunbather“ war ein Meisterwerk. Mit dieser Einschätzung standen diese Webseite und ich nicht alleine da. 2014 war es recht ruhig um die Band aus San Francisco, obwohl sie mit „From The Kettle Onto The Coil“ einen der Höhepunkte zur jährlichen „Adult Swim“-Singles-Reihe beitrug. Nun schreiben wir das Jahr 2015 und die Band, die auch Teile meiner Wahrnehmung nicht nur von Black Metal verändert hat, hat mit „New Bermuda“ ein Nachfolgealbum veröffentlicht, welches sich unweigerlich mit dem Vorgänger messen muss.
Es beginnt mit postrockigem Geschleife (es „Industrial“ zu nennen wäre sicher übertrieben) und Hells Bells in der Ferne, die Glocken läuten und der Sturm bricht los. Das Intro von „Brought To The Water“, dem ersten Song auf „New Bermuda“, schraubt mit seiner repetitiven Konstruktion und galoppierenden Blastbeats die Erwartungshaltung mächtig in die Höhe und man fühlt sich eigentlich direkt zuhause. Willkommen bei Deafheaven, aber was passiert da nach eineinhalb Minuten? Break, nicht komplett auf null und Neuaufbau, sondern sehr gekonnt umgeschaltet. Das Schlagzeug stoppt kurz und dann geht’s weiter, was im Grunde nichts Ungewöhnliches wäre. Ungewöhnlich ist das Wie, die Vorankündigun: Den neuen Teil leitet eine Figur aus gut abgehangenen Metalriffs ein, die so prominent bisher noch nicht im Klangraum der Band vorhanden waren, oder besser nicht so hörbar. Sie bestimmen auch den weiteren Verlauf des Songs, bis zum nahtlosen Übergang in – so ebenfalls von der Band noch nicht gehörten – Post Rock, gekrönt mit einer langgezogenen Gitarrenfigur, die in ihrem Verlauf gesanglich von George Clarke tonal begleitet, komplettiert wird. Überhaupt ist auffällig, dass Clarke noch eine Schippe mehr Aggression und Verzweiflung in sein Gefauche gelegt hat, das weiterhin beinahe unverständlich bleibt. Mit dem diesmal beigefügten Textblatt in der Hand erschließt sich sein Stil jedoch, wird dechiffrierbar. So offenbart sich, dass Clarke seine Wörter und Silben nach Belieben zerdehnt.
Vielleicht entsteht dieser Eindruck von Aggression und Verzweiflung aber auch, weil die Band über weite Strecken völlig anders agiert, als man es wahrscheinlich erwartet hätte. So präsentiert sich „New Bermuda“ durchweg wesentlich riffiger. Fast könnte man glauben, die beiden Gitarristen Kerry McCoy und Shiv Mehra hätten sich eine Lockenmähne wachsen lassen, die Spandexhosen übergestreift und an anderer Stelle bei Ron Ashton nochmal genauer hingehört. Das findet seinen Niederschlag in einem psychedelischen Wah-Wah-Solo beim zweitlängsten Song „Baby Blue“, in dem Black Metal über weite Strecken schließlich nur noch über Clarkes Gesang evoziert wird. Aber das ist nur eine Seite des Januskopfes. Die andere – auch das kann man sehr schön beim nahtlosen Übergang von „Luna“ zu „Baby Blue“ und den anschließenden ersten dreieinhalb Minuten des Songs hören – ist eine zarte, geradezu trippige, locker-groovende Verspieltheit, wie sie derzeit sonst nur Sivyj Yar, sicherlich in einem etwas anderen Kontext, im derzeitigen Black Metal an den Tag legt.
Wobei weiter gestritten werden wird, ob Deafheaven denn überhaupt Black Metal sind. „New Bermuda“ und der Band können solche Diskussionen aber völlig egal sein, ist das Album doch sicher geerdet im musikalischen Fundus des Black Metal und trotzdem so viel mehr. Doch auch ich muss zugeben, dass mich „New Bermuda“ erst mal irritiert zurückgelassen hat, erweitert die Band doch erst mal ihren Referenzrahmen gehörig und lässt andererseits so viele offensichtlich konservative Elemente einfließen wie noch nie. Doch spätestens nach dem dritten, vierten Durchgang wird man nicht umhin kommen, Deafheaven zu beglückwünschen. Was anfangs als Irritation wahrgenommen wurde, der Rückgriff auf klassische Riffs, der Mut zum – ich wage gar nicht es zu schreiben – Solo, erweist sich als ungemein geschickter Schachzug, verankert er doch Marker, Trigger, Anknüpfungspunkte in unserem Kopf, erstellt Mitsummschablonen, Erinnerungsorte weit über die Dauer des eigentlichen Albums hinaus. Das ist dann auch der Punkt, an dem „New Bermuda“ sogar „Sunbather“ überlegen ist.


