Chelsea WolfeAbyss
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Label:
Sargent House
VÖ:
07.08.2015
Referenzen:
Swans, Björk, Zola Jesus, King Dude, Rose Kemp, Gazelle Twin, Nine Inch Nails
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Dunkelheit als Stilmittel war auch schon auf ihrem letzten Album „Pain Is Beauty“ deutlich hervorgetreten, doch ließen die Songs in ihrer perfiden inne wohnenden Zugänglichkeit einzelne Lichtfetzen zu Tage treten, die zumindest den Hauch eines Schattens oder Funkens erahnen ließen. Chelsea Wolfe lässt mit „Abyss“ diese schimmernde Zwischenwelt hinter sich und taucht mit Feuereifer und Vehemenz noch tiefer hinab. Dorthin, wo sich die eigenen Dämonen mit den Urängsten zu vermengen scheinen und wo Licht nur eine fixe Idee ist.
Wolfe erschüttert ihre ohnehin nicht von sonderlich viel Frohsinn gezeichnete Musik in ihren Grundfesten. Waren es zunächst apokalyptische Folkvisionen, die vor allem den ersten Alben eine Art Handschrift bescherten, zogen schon auf „Pain Is Beauty“ die ersten Dronegewitter auf, deren kristalliner Glanz sich vortrefflich in die pulsierende Klanglandschaft einfügen sollte. „Abyss“ verfolgt diesen Ansatz noch konsequenter weiter. Wuchtig eröffnet „Carrion Flowers“ den Reigen und markiert einen ersten Haltepunkt auf dem Weg nach unten. Industrielles Metall trifft auf organisches Wabern und irgendwo in diesem Gebräu taucht Wolfe als vom Wasser umspülte Medusa auf, den süßlichen Duft des Verderbens in der Stimme. Wie im Vorgängerwerk scheinen Stimmung und Atmosphäre schmerzdurchzogen und doch durchströmt alles auf „Abyss“ auch eine melancholische Anmut, je sogar Grazie, derer man sich sogar in den lauten Momenten des berstenden „Iron Moon“ nicht entziehen kann.
Ein Aufbegehren umspielt fast alle Stücke, vor allem in der zweiten Hälfte scheint Wolfe sogar ihren Weg in die Tiefe unterbrechen zu wollen. Verfolgt „Survive“ zunächst einen stetig abwärts treibenden Rhythmus, lässt Wolfe die Komposition nach kurzem Innehalten panisch nach Luft schnappen. Fast scheint man dabei den Rhythmus des Keuchens verinnerlicht zu haben, da schleicht sich mit dem langsam hereinbrechenden „Color Of Blood“ ein hartnäckiger Wassergeist an, um das nächste Unheil anzubahnen. Nervöse Trommeln umspielen im Wechsel den stoischen Sirenengesang der Künstlerin, die dennoch bis zu den letzten Stakkatotakten nicht aus der Ruhe zu kommen scheint.
Wolfe singt auf „Abyss“ nach wie vor über die Schönheit des Entsetzlichen, des Bösen und des Unperfekten und findet genau dort die Anmut, die sie trotz allen musikalischen Berstens in ihre Stücke legt. Sie erzählt von bleichen Sonnen, steigt in Schlunde hinab („Maw“) und besingt das eigene Ende der Zeit in „Simple Death“ auf drastische und bildhafte Weise: „blue haze/ white light/ a desert storm/ midnight/ the roads become rivers/ the water starts to rise/ let me swim/ I’m so scared to find“.
Waren die Stücke auf Wolfes bisherigen Alben zumeist klar voneinander abgetrennt, wirkt „Abyss“ mehr denn je wie ein einziges großes Werk. Eine unterweltliche Sinfonie, die in einer eigens für sie geschaffenen turmhohen Kathedrale zur Aufführung gebracht und von Donnergrollen und Höllenangst beherrscht wird. Doch nicht nur instrumental ist „Abyss“ so viel größer und mächtiger als zuletzt „Pain Is Beauty“, es ist auch die ungeheuere stimmliche Varianz Wolfes und die dichte Produktion John Congletons, die dem Album diese Dringlichkeit auf den Weg gibt. Dieser Weg führt thematisch sicherlich nach ganz unten, doch sollte es dort nicht mit dem Teufel und seinen Spießgesellen zugehen, darf sich Chelsea Wolfe mit „Abyss“ sicherlich am Jahresabschluss auch in ganz anderen Höhen wiederfinden.


