SLEEPSLEEP

Spricht man heute von österreichischen Musikexporten, kommt man um den Begriff „Austro-Pop“ nicht mehr herum. Schade eigentlich, denn der Begriff wirkt allzu einengend, wenn man sich mal näher in Österreich umsieht. Schließlich hat das Alpenländchen auch einiges an elektronischer oder experimenteller Musik zu bieten, HVOB zum Beispiel, oder neuerdings auch die Solo-Aufnahmen von Ja, Paniks Sänger Andreas Spechtl. SLEEP heißt sowohl sein Projekt, als auch der Name dessen Debüts. Es soll – wer hätte es anders vermutet – „von seiner unendlichen Liebe zum Schlaf“ handeln.

Vom Einschlafen ist allerdings entschieden abzuraten, denn dann würde man die weichen Klänge von Spechtls tagträumerischen Pop- und Folksongs verpassen, die so gar nichts mehr mit Ja, Panik zu tun haben. Spechtl gibt sich solo elektronischer und weitaus experimenteller. Mithilfe der vielfach verwendeten Field Recordings nimmt er den Hörer mit auf eine Reise durch seine Träume. Die führen im Verlauf des Albums durch Ghana, Birmingham oder Spanien, wo auch die Geräuschaufnahmen entstanden.

Bei der textlichen Umsetzung gibt sich Spechtl gewohnt multilingual. Das Experimentieren mit verschiedenen Sprachen mache ihm Spaß, auch wenn er kaum eine richtig beherrscht, sagt der Wahlberliner von sich selbst. Neben den Field Recordings lässt er auf Sleep auch gerne mal Samples für sich sprechen. „Duérmete Niño“ baut auf dem Sampling eines spanischen Schlafliedes auf, die zugehörige Platte fiel Spechtl im spanischen Cadiz in die Hände. Spechtl wechselt sich mit der weiblichen, spanischsprechenden Stimme auf dem Sample stimmlich ab, nur kurz unterbrochen vom dubbigen Downbeat seines Synthesizers: „Sleep came here to stay/ sheep came here to lay you down“.

In „After Dark“ kommen indische Klänge und Trompeten zum Einsatz. Textlich macht sich der Sänger hier Sorgen um das Gemeinschaftsgefühl der Menschen, die viel zu oft Mauern um ihre Lebensräume ziehen wollen. Deutsche Großstädte sollen wachsam sein, eine klare Anspielung in Richtung Pegida und Co.

Obwohl Ja, Panik von der Musikzeitschrift Spex im letzten Jahr als die am besten auf Deutsch textende Band gekürt wurden, gibt sich Spechtl solo eher zurückhaltend. Die Texte sind spärlich bis karg, der Österreicher drückt sich viel eher durch seine Samples und die vielen Instrumente aus, die er auf dieser Platte verwendet. Es ist ein Album, das man dringend in einem ruhigen Moment auf sich wirken lassen sollte – tagträumend, jedoch keinesfalls schlafend.

2 Kommentare zu “SLEEP – SLEEP”

  1. Sleeep sagt:

    Ich finde ja die früheren Alben besser. Im Vergleich zu Sleep’s Holy Mountain und vor allem Jerusalem/Dopesmoker ist das neue Album doch arg weich geworden.
    Das könnte am Personalwechsel liegen, immerhin wurden ja drei Amerikaner durch einen Österreicher ersetzt? Vielleicht könnte der investigative Musikjournalismus da noch einmal nachfassen.

  2. Der investigative Musikjournalismus wird noch so einiges zu investigieren haben in Zukunft, wenn zum Beispiel die Ur-Deutschpunks Slime nächsten Monat plötzlich ein Trip-Hop-Album auf Domino Records veröffentlichen. Ei der Daus!

    Diese Namensverwirrung trifft btw auch Dienste, die ihre Metadaten wirklich besser im Griff haben sollten. Der Spotify-Embed zur Envy-Rezension (seit heute auf http://www.auftouren.de online, check it out) wäre so beinahe nicht zustande gekommen, weil das neueste Envy-Album auf Spotify nicht bei Envys anderen Werken einsortiert ist, sondern bei einer amerikanischen Rap-Rock(?)-Band gleichen Namens.

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