Tame ImpalaCurrents

Nachdem Tame Impala vor drei Jahren mit „Feels Like We Only Go Backwards” die Retro-Hymne schlechthin geschrieben haben, gehen sie mit ihrem dritten Album „Currents“ einen bemerkenswert großen Schritt vorwärts. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie damit vollständig in der Gegenwart angekommen wären.

Um einen groben Eindruck davon zu bekommen, welchen Stellenwert die Band mittlerweile erreicht hat, genügt ein Blick auf die diesjährigen Line-Ups der großen Festivals, auf denen sich Tame Impala zu späten Stunden auf den Hauptbühnen wiederfinden. Seite an Seite mit Bands wie Metallica und AC/DC, von denen sie nicht weiter entfernt sein könnten. Zu verdanken ist das dem durchschlagenden Erfolg des Vorgängerwerks „Lonerism“, dem Konsensalbum 2012, auf das sich Indie-Kids und ergraute Liebhaber von Sixties-Psychedelic gleichermaßen einigen konnten. Zumindest Letztere dürften angesichts der auf „Currents“ großräumig ausgebreiteten Elektronikteppiche verstört die Haare über dem Kopf zusammenschlagen. Dabei widmen sich Tame Impala nicht nur musikalisch, sondern auch textlich ausgiebig dem Thema Veränderung. „Yes I’m older, yes I’m moving on. And if you don’t think it’s a crime you can come along with me”, bietet Sänger und Songschreiber Kevin Parker in „Yes I’m Changing“ an. Das kann man als weltoffener Mensch natürlich schlecht ablehnen, auch wenn der Song sich in all seinem Achtziger-Jahre-Pomp gefährlich nah an der Kitschgrenze entlang räkelt.

Der Perfektionismus von Parker sorgte sogar dafür, dass das Album erst Wochen später als ursprünglich angedacht veröffentlicht werden konnte. In der Zwischenzeit erschienen nach und nach einzelne Songs, was sturen Verfechtern altmodischer Gitarrenmusik immerhin ermöglichte, sich schrittweise und langsam von ihrer ehemaligen Lieblingsband verabschieden zu können und parallel dazu ihren Unmut darüber in die Welt hinaus zu posaunen. Der größte dabei zu verdauende Brocken war das knapp acht Minuten lange „Let It Happen“, mit dem das Album auf die denkbar eindrucksvollste Art eröffnet wird. Bis zum Bersten gefüllt mit allem, was die synthetische Effektkiste hergegeben hat, dennoch zu keinem Zeitpunkt überladen wirkend, bohrt sich das Stück zielsicher in diversen Schleifen ganz tief in den Kopf und wird ihn auf absehbare Zeit nicht mehr verlassen. Im Ergebnis – da lege ich mich jetzt mal fest – der bisher beste Song des Jahres.

Veränderungen lassen sich grundsätzlich am einfachsten umsetzen, wenn man niemanden fragen muss. Spätestens mit „Currents“ hat sich Tame Impala endgültig als alleiniges Projekt von Kevin Parker manifestiert, der nicht nur wie gewohnt sämtliche Songs geschrieben und eingespielt, sondern auch in seinem Studio aufgenommen, produziert und abgemischt hat. Die ehemals so präsenten Gitarren sind dabei nur noch in – allerdings sehr gut in Szene gesetzten – Nebenrollen zu finden. Bass und Gesang rücken deutlich weiter nach vorne und ergeben mit schwebenden Synthesizern und einem satten Schlagzeug einen bunten Rundumschlag durch die weite Welt zeitgemäßer Popmusik. Vom infektiösen Disco-Funk in „The Less I Know The Better“, an dem auch John Travolta vor ein paar Jahrzehnten seine helle Freude gehabt hätte, bis hin zur schleppenden Coolness von „New Person, Same Old Mistakes“. Auf die verwaschene Tanzbarkeit von „Disciples“ folgt das hymnisch-triefende Bekenntnis „‘Cause I’m A Man“ und manchmal erinnern Tame Impala auch an ihr früheres Ich. „Reality In Motion“ ist dafür ein gutes Beispiel, ebenso wie das vehemente Gitarrenriff in „Eventually“, ein Stück, das darüber hinaus wie etwas abwegig betonter Big Beat in Zeitlupe wirkt.

Erstaunliche Parallelen sind zu Unknown Mortal Orchestra zu verzeichnen, die sich unlängst ebenfalls ähnlich eindrucksvoll mit ihrem dritten Album vom leicht zugedröhnten Psych-Rock kommend der Tanzfläche zugewandt haben. Tame Impala gehen diesen Schritt auf „Currents“ mit brillanten Melodien und einer punktgenauen Produktion mit viel Liebe zum Detail allerdings noch konsequenter und weiter. Ein Monolith aus funkelndem Samt. Mit Discokugel und Lavalampe oben drauf.

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