Konzeptkünstler, Remix-Mastermind und Kollaborationschamäleon Kieran Hebden aka Four Tet hält sich nicht mit festgeschriebenen Regeln und Genregrenzen auf. Auf dem ungewohnt persönlichen neuen Album „Morning/Evening“ reflektiert Hebden erstmalig seine indischen Wurzeln und bricht nebenbei mit Hörgewohnheiten und klassischen Formatvorstellungen.

Wenn ein Künstler wie Four Tet sein neues Album drei Wochen vor dem angesetzten Termin ohne groß Aufhebens auf Bandcamp veröffentlicht, ist dies nicht als ausgefuchster PR-Gag oder Musikmarktkritik à la Taylor Swift zu verstehen. „I was like, it’s the summer solstice, a lovely day – this is perfect“, lautet das ebenso simple wie sympathische Statement des eher interviewscheuen Briten zum verfrühten Erscheinen seines mittlerweile zehnten Studioalbums. Auf „Morning/Evening“, das lediglich aus zwei jeweils etwa zwanzigminütigen Tracks besteht, experimentiert Hebden mit dem Ausreizen formal- und produktionsästhetischer Spielräume. Die Tracks kosten die volle Länge einer Plattenseite genüsslich aus und wirken durch den repetitiven, tranceartigen Aufbau, der teilweise in gänzlicher Stille kulminiert, eher wie ein improvisiertes Liveset, das Orientierungspunkte bewusst vermissen lässt.

„Morning“ beginnt zunächst nach Schema F: typischer Four-to-the-Floor-Beat, Einsetzen der Claps, sich langsam einschleichender Basssound. Plötzlich erstrahlt das traurig-schöne Vocalsample der indischen Sängerin Lata Mangeshkar in pompöser Bollywoodmanier, samtweich gebettet auf einem zarten Streicherklangteppich. Eine entfernt vertraute Stimmung, gepaart mit unbestimmter Melancholie, stellt sich ein – Four Tet beherrscht das Spiel mit Pop und den großen Emotionen, ohne je dem Pathos oder Kitsch zu verfallen. Statt Assoziationen mit knallbunten Gruppentänzern und keusch-verstohlenen Augenaufschlägen zu wecken, verwandelt Hebden das Zitat aus seines Großvaters Filmsammlung geschickt und ironiefrei in einen clubtauglichen Tanz-Track.

Im Kontrast dazu steht die weniger poppige, tiefgründigere B-Seite. „Evening“ orientiert sich konzeptuell an den Ragas der klassischen indischen Musik, die für bestimmte Tages- und Jahreszeiten stehen. Nach ausgedehnter Hinführung schwebt die sphärische Stimme der Sängerin über einem bordunartigen Bass, teils verfremdet, meist autark ohne rhythmisches Grundgerüst. Dieses wird erst nach einem Break im letzten Drittel des Tracks voll ausgestaltet und zeigt neben aller Ambient-Verspieltheit, wo Hebden sich selbst eigentlich positioniert: im Club. Wie in der gesangsdominierten indischen Musikkultur steht die lineare Entwicklung im Vordergrund, was die ausufernde Länge beider Tracks und den kleinteiligen Aufbau rechtfertigt. Anhand der Querverbindung zu den Ragas fügt sich der Titel „Morning/Evening“ und vielleicht sogar die etwas esoterische Vorabveröffentlichung pünktlich zur Sommersonnenwende ins Albumkonzept ein.

„Morning/Evening“ ist ein wohldurchdachtes Werk, das sich gängigen Erwartungshaltungen entzieht, ohne intellektuell überfrachtet zu sein oder seinen Pop-Appeal einzubüßen. ‚Intelligent Dance Music‘ at its best.

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