Das fünfte Album der Amerikanerin ist erfüllt von seiner theaterhaften Inszenierung. Als Circuit Des Yeux betritt Haley Fohr nach kurzem instrumentalen Prolog die Bühne, lässt sich am Rand des Rampenlichts nieder und wird erst nach einiger Zeit gänzlich von den hin und her schwebenden Lichtkegeln eingefangen. Das Orchester hingegen zeigt beherrschte Präsenz und hat dabei alle Hände voll zu tun, das wohltemperierte Timbre der Sängerin nicht aus den Fängen zu lassen. Doch Fohr trotzt allen instrumentalen Verlockungen und bleibt die formvollendete Hauptdarstellerin.

Es sind vor allem die unterschiedlichen Streichervariationen, die „In Plain Speech“ in eine Art düsteren Zauberwald versetzen, den man sich ohne Schwierigkeiten auch bei Antony Hegarty vorstellen kann. Über ein nervöses Flackern hinweg singt Fohr in ihrem vollmundigen, abgetönten Alt und durchquert das im Hintergrund wogende Gespinst mutigen Schrittes, indem sie ihre Stimme nicht nur als Textgeber verwendet. Vielmehr wird sie selbst zum Instrument und verwindet sich wie bei „Guitar Knife“ mit den tiefen Glockentönen. Doch auch die wortgewandt betexteten Stücke wie das mutig voran drängende „Ride Blind“, in dem Fohr beinahe zum stimmlichen Überschlag ansetzt, und das über ein rauschendes Bächlein damit verbundene „Dream Of TV“ bergen orchestrale Verwunschenheit, die sich aber über eine breite Farbpalette erstreckt. Gerade Letzteres entwickelt aus einfachen Zupfakkorden und verhaltenem Tempo über die Dauer von gut sieben Minuten eine nach vorne drängende, immer schummriger ansteigende Geräuschkulisse, die sich wie eine vernebelnde Landschaft über die Szenerie legt.

Das gestaltet sich zumeist verstiegen und lässt auch nicht viel Licht ins Dickicht, doch spätestens bei „Fantasize The Scene“ öffnen sich die Sängerin und ihre Mitmusikanten zusehends und Fohr singt sich über Akkordfolgen, die spannenderweise von Ferne an „Hotel California“ erinnern, ganz nah an den Rand der Bühne. Neben den deutlich abgetönten Farben schimmert ein leichtes Tremolo durch ihre Stimme, die nun vollends zwischen den Welten zu wandeln scheint.

Zu den scheinbar immerwährenden Streichern gesellen sich zarte Flöten und tönerne Klarinetten, die sich voll des harmonischen Wohlklangs bei „A Story Of This World“ versammeln und bis zu einem vokalen Ausbruch vermeintliche Sicherheit versprühen. Fohr hingegen kippt stimmlich mit intensivem Vorwärtsdrang bis über den Orchestergraben hinaus. Im Publikum angekommen, läutet das blubbernde Glockenspiel-Zwischenspiel zum letzten Akt „In The Late Afternoon“. Geigenpizzicato und Gitarrenterzen bilden den Hintergrund für einen Abgesang, ein Klagelied auf die Welt, mit dem Fohr uns in den Abend entlässt. Sie singt für jeden der zuhören will, komme was will und komme was mag.

„In Plain Speech“ ist ein Zuhöreralbum geworden, das aus einem Bühnenbild heraus verschiedene Einakter präsentiert. Kurze, in ihrer Stilistik ähnliche, aber nie gleichförmige Stücke, die von der flüchtigen Androgynie in Fohrs Stimme leben und über eine facettenreiche Ausstattung verfügen. Mag hier und da ein wenig strukturelles Zusammenwirken fehlen, ist der Gesamtklang hingegen überwältigend.

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