Erwartungen sind zwangsläufig dazu da, entweder übertroffen oder unterboten zu werden. Dass solch ein Allgemeinplatz auch in Bezug auf vorab veröffentliche Appetithappen und darauf folgende Longplayer absolute Gültigkeit besitzt, könnte ebenfalls auf Daughn Gibson zutreffen. Dieser hat nicht nur mit seinen ersten beiden Alben vollends überzeugt, auch die ersten Töne aus „Carnation“ schürten die Vorfreude. Doch Vorfreude ist eben nicht alles.

All Hell“ und „Me Moan“ waren zwei Werke, die vor allem in ihrer Soundästhetik ganz eigene Wege zu gehen schienen. Nebulöser Beinahe-Americana wurde von Gibson, der eigentlich Josh Martin heißt, durch fragmentierte Post-Dubstep-Elemente aufgefrischt und bekam vor allem auf dem letzten Album noch eine matt glänzende Pop-Firnis verpasst. Zusammen mit der kraftvollen, tief tönenden Stimme des Amerikaners, der auch optisch irgendwo zwischen Shabby Chic und Truckerromantik einzuordnen ist, entstanden abgetönte Hymnen, die beste Beispiele für abgelebte Retromoderne waren.

„Carnation“ betritt keine gänzlich neuen Pfade, geht aber Kompromisse ein, die den Songs nicht immer zuträglich sind. So schleicht sich ein verwaschener Schleier über die elf Kompositionen, die nur noch selten echten Straßenstaub schlucken. Vielmehr ertappt man Gibson in loungigen Gefilden, die aber auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Ähnlich einer Discokugel, der allerdings schon einige Spiegelplättchen abhanden gekommen sind, funkelt es nur unregelmäßig auf und auch der eigentlich mal so schön rund laufende Motor hat einige Anlaufschwierigkeiten, ganz zu schweigen von der deutlich tristeren Atmosphäre, die vor allem in der zweiten Albumhälfte zu spüren ist. Songs wie „Runaway And The Pyro“ entwickeln zwar tolle Ideen wie das torkelnd-tapsige Piano, doch Gibsons Stimme scheint verblichener als zuvor und auch der Background zeigt nur wenig Wiedererkennenswertes.

Das Album zeigt trotz allem eine durchaus üppige Bandbreite, indem es die einzelnen Stücke mal mehr oder weniger stark in einen ambienten Schlummer versetzt. Der Eröffnungssong „Bled To Death“ zum Beispiel, dessen Strophen kaum die ohnehin schon fahlen Klangfarben widerspiegeln, oder das direkt folgende „Heaven You Better Come In“ wirken zwar neu und ungewohnt, sorgen aber trotz größtmöglicher Eigensinnigkeit nicht für das Gänsehautgefühl früherer Stücke. Dieses gelingt vor allem beim alles überstrahlenden „Shatter You Through“, das mit Tempo und Spielfreude und einem herrlichen Klaviermotiv noch am ehesten an die pastellig-schimmernden Songs auf „Me Moan“ herankommt und „Carnation“ wieder zurück auf die Tanzfläche schubst.

Doch zumeist überwiegen sakrale und pastorale Abgesänge, die im besten Fall an den späten Dave Gahan und seine Gesangsleistung bei den Soulsavers erinnern, denen es aber vor allem an Intensität und Intimität mangelt. Lediglich im abschließenden „Back With The Family“ schafft er es komplett, Gratwanderer zu sein, der die innigen Momente der Musik mit seiner Stimme vollends in Einklang bringt. Daughn Gibson hat es auf „Carnation“ riskiert, seinen emblematischen Sound ein wenig auszuweiten, doch das genügt bei einem solch ausdrucksstarken Timbre. So bleibt „Carnation“ eine verblasste Blaupause seines bisherigen Schaffens: ordentlich, aber leider arm an echten Höhepunkten.

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