AlgiersAlgiers
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Label:
Matador / Beggars
VÖ:
29.05.2015
Referenzen:
Nick Cave, Gil Scott-Heron, The Birthday Party, The Temptations, Nina Simone
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Gothic-Gospel? Mit Sicherheit eine von der schreibenden Zunft gern genutzter Hilfsbegriff, um der musikalischen Bandbreite der dreiköpfigen Gruppe um Franklin James Fisher, Lee Tesche und Ryan Mahan irgendwie gerecht zu werden. Deren selbstbetiteltes Debüt ist sicherlich durchzogen von dunkler Leidenschaft und intensiver Beschäftigung mit den Geistern der Zeit, doch ziehen die drei Musiker deutlich mehr Register als uns die Genreschubladen anbieten wollen.
Algiers sind durch und durch Protest. Sie injizieren ihre düsteren Songs mit Gesellschaftskritik, ohne Slogans und Parolen wiederzukäuen. Sie arbeiten vielmehr mit einer nahezu bildhaften Darstellung von Problemen und Missständen, die sie mit Wucht und intensiver Interpretation zu Gehör bringen. Klanglich orientieren sich die drei dabei sowohl an den soulig-enervierenden Protestsongs amerikanischer Widerständler jedweder Art, durchbrechen deren in der Regel starre Call-and-Response-Korsette aber mit der Post-Punk-Attitüde der frühen 80er-Jahre.
Klanglich ist das widerspenstig und roh und doch bewahren sich die Songs eine gewisse gospelartige Eleganz, die vor allem durch die vielen choralen Elemente im Hintergrund oder an sonstigen Nebenschauplätzen hergestellt wird. So frisst sich das in seiner ganzen Wut begeisternde „Irony, Utility, Pretext“ durch einen echohaften Synthie-Wald, der von energischen und fordernden Echochören umrankt wird und lässt die ohnehin schon bebende Stimme Fishers an die Punkpredigten des frühen Nick Caves erinnern. Auch das darauf folgende „But She Was Not Flying“ bellt Fisher zunächst in einen unbesternten Nachthimmel hinaus, doch gönnen sich der stetig hämmernde Untergrund und der abschließende Instrumentalteil ein wenig Struktur und Einkehr.
„Algiers“ ist ein in sich sehr geschlossenes Werk, tauchen doch stilistisch artverwandte Mittel in vielen Songs in abgewandelter Form immer wieder auf. So ähneln sich die Choreinsätze der einzelnen Stücke nicht unerheblich, was aber dem Gesamtklang des Albums absolut zu Gute kommt. An die rhythmisierende Improvisation „Black Eunuch“, die nicht nur durch die Handclaps so ein wenig an „New York Is Killing Me“ von Gil Scott-Heron erinnert, schließt das deutlich ruhigere und wunderbar weich gesungene „Games“ an, doch beide werden von stimmhaften Summchören begleitet, die sich eben wie ein roter Faden durch das Album ziehen. Darüber hinaus wird „Algiers“ aber auch durchaus zu einem wütenden Zitat, vor allem dann, wenn wie bei „Claudette“ durchaus auch mal an „Papa Was A Rolling Stone“ gedacht werden kann.
Am stärksten sind Algiers aber, wenn sie sich völlig verausgaben und wahlweise mit gewaltiger Inbrunst oder brachialer Gewalt anprangern, klagen oder skandieren. Neben dem eröffnenden „Remains“, das sich nach dräuendem Beginn wie ein hinterlistiger Kobold ins Gehirn frisst und den Weg für alles danach Kommende ebnet, überzeugen hier vor allem „Blood“, das seinem Namen alle Ehre macht und Selbiges schon nach wenigen Minuten zum Kochen bringt und das sich kurz vor Schluss aus einer wogenden Masse erhebende „In Parallax“, das wiederum mit fordernden Handclaps gespickt ist und in dem Fisher noch einmal alles an Wahn in seine Stimme legt, was menschenmöglich ist. So ist „Algiers“ eine rohe, nahezu unbehauene Pretiose, die vor allem dann funkelt, wenn sich Fisher, Tesche und Mahan in einen manischen Rausch spielen und dann vor lauter Kraft und Energie kaum laufen können.


