Olli Schulz und der neue Ernst? Der Indie-Pop-Klamauk des Hamburgers, der seine Karriere Anfang 2000 im pinken Plüschhasen-Kostüm als Kettcar-Vorprogramm begann, hat auch eine traurige Seite. Olli Schulz präsentiert seine melancholische Ader (ach, was) nun auf seinem neuen Studioalbum „Feelings Aus Der Asche“, das von Moses Schneider produziert wurde. (Randnotiz: Bei gemeinsamen Projekten mit den Hofnarren der Kulturindustrie, Joko und Klaas, darf man sich nun wirklich nicht wundern, wenn sich die Rezeption einseitig auf die alberne Ebene beschränkt.)

Auf dem Sprechgesang von „Passt Schon“, dem stärksten Teil der Platte, stellt der beste Rammstein-Imitator der Republik und gnadenlose Entertainer dann auch authentisch dar, wie überfordernd und alles andere als aberwitzig es sein kann, jederzeit für Belustigungs-Selfies parat stehen zu müssen und an fast jeder Dönertheke erkannt zu werden. Persönlich sind die Stücke des jungen Papas allesamt geraten: unverkennbar autobiographisch gefärbt ist das leicht pathetische „Als Musik Noch Richtig Groß War“ geraten, ebenso der Schluss- und Titeltrack. Die entscheidende Frage, die sich allerdings nur verdächtig wenige Rezensionen bisher stellten, lautet: Ist das wirklich eine essentielle Neuerfindung? Auch das erneut referenzreiche Konzept Musik über Musik ist von Schulz schon häufig aufgegriffen worden (man denke an die grandiose HipHop-Ode „Unten Mit Dem King“ oder heimliche Hits wie „Nimm Mein Mixtape, Babe“ vom sagenumwobenen Debüt mit dem Blödiantitel „Brichst Du Mir Das Herz, Brech Ich Dir Die Beine“, für die der Hund Marie Max Martin Schröder noch verpflichtet wurde).

Das neue Gesicht von Olli Schulz? Klar, alberne Zwischenspiele sucht man hier vergebens und auch von Bibos und Rangel-Eskapaden bleibt man hier Gott sei Dank verschont, doch auch das beige Album (2005) sollte deutlich gemacht haben, dass Schulz wenn schon Clown, dann doch ein trauriger ist. Jede Pointe hat einen bitteren Beigeschmack und wenn man sich das zu Gemüte führt, dann kann einem der Titeltrack auf dem sechsten Album auch insgeheim schwächer als die Akustiknummer „Schon Lange Was Defekt“ aus dem 2005er-Werk erscheinen, das sich insgesamt viel weniger aufdrängte und lyrisch nicht so unmittelbar 1:1 verfahren ist wie leider einige Stücke auf „Feelings Aus der Asche.“ Man hat beizeiten einfach das Gefühl, zu dicht dran zu sein, weil die Ironie das Feld größtenteils räumen musste.

Tatsächlich präsentiert sich Schulz auf diesem Album verletzlicher und man spürt, wie sehr er mit einer zerbrochenen Beziehung zu kämpfen hat, doch der über viele Rezensionen gespannte Konsens, dass Schulz sich von einer ganz neuen Seite zeige, will einfach nicht aufgehen. Das liegt – zugegeben – nicht so sehr an dieser Scheibe, sondern an ihren Vorgängern. Was Schulz auf denen gemacht hat, war nämlich mindestens immer Tragikomödie, das Narrativ gekonnt ambivalent, hinter jedem Gag lauerte ebensoviel Melancholie. Hinter jedem erst plump erscheinenden Joke („Die Ankunft Der Marsianer“) lag ein Hauch Geheimnis und es sind gerade die bescheuertsten Titel, die sich im Rückblick als am wenigsten kurzweilig entpuppt haben. Diesen gewissen Esprit vermisst man auf den Aschegefühlen ein wenig und man wünscht sich eine „richtig gute Show, was mit Flow, was das geht und nicht jeder gleich versteht“, weil die eben nicht so nah ist.

Musikalisch ist die Scheibe hingegen sehr gereift und in dieser Hinsicht sicherlich das bisherige Meisterwerk im Schulz-Kosmos: Klaviersequenzen, HipHop-Beats und breit arrangierte Akustikgitarren-Melodien, die sich weit weg vom Ursprung bewegt haben: WG-DIY-Synthiepop-Skizzen. Vor allem kann sich Schulz´s Popaffinität produktionstechnisch auf der Single „Phase“ und dem schönen Auftakt „So Muss Es Beginnen“ bestens entfalten. Kompositorische Fehlgriffe wie auf „Boogieman“ und die ein wenig zu direkt geratenen Lyrikpassagen können letzten Endes auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schulz in der deutschsprachigen Singer/Songwriter-Liga weit oben mitspielt. Man wird nur widersprechen müssen, wenn das jetzt als Neuigkeit gehandelt wird.

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