Ist es eigentlich schwieriger, eine Rezension zu einer Band zu schreiben, deren Werk man abgöttisch liebt oder Zeilen für ein Album zu verfassen, dessen Urheber eher selten bis gar nicht in die Gunst geraten ist? Zwar schreibt sich eine mögliche Lobhudelei meistens deutlich angenehmer als ein Verriss, doch fällt das Fischen nach wohlwollenden Vokabeln fernab des klassischen Gutfindens auch nicht immer leicht. Nicht auszudenken, die Erwartung wäre dann auch noch nicht Gänze erfüllt? Lieber auf einen Ausrutscher nach oben hoffen, um diesen als überraschend oder sensationell charakterisieren zu können? Diese oder ähnliche Gedanken könnten auch im Vorfeld des neuen Decemberists-Album eine nicht unerhebliche Rolle spielen…

Die Band aus Oregon hat bis hierher schließlich alles richtig gemacht und in den letzten 15 Jahren ein herausragendes Album nach dem anderen veröffentlicht, dabei so ziemlich alle Spielarten traditioneller und zeitgenössischer Folkmusik gestreift und je nach Albumthema auch noch schmückendes Beiwerk hinzugefügt. Nach dem letzten, sehr amerikanisch gefärbten Werk „The King Is Dead“ ließ der Nachfolger aufgrund zahlreicher Nebentätigkeiten und eines wiederum hervorragenden Live-Albums allerdings einige Zeit auf sich warten. Umso schöner war das erste kurze Hineinschnuppern in „Make You Better“, das Colin Meloy in bester Straßenmusikermanier im November als ersten Vorboten des neuen Albums präsentierte.

Wie immer mit reichlich hintergründigem Humor versehen, tritt „What A Terrible World, What A Beautiful World“ schon mit den ersten Takten sehr souverän auf und lässt schon beim ersten Hördurchgang keine Schwächen zu. Das (selbst)ironische „The Singer Adresses His Audience“ fungiert wie eine kurze Gebrauchsanweisung in den musikalischen Kosmos der Indiefolker, der sich zwar nicht überdeutlich, aber doch vor allem im Vergleich zu den bildhaften Kompositionen auf „Picaresque“ und „The Crane Wife“ unterscheidet. Es gibt zwar immer noch die sonderbaren Protagonisten, die Haupt- und Nebenrollen übernehmen und sicherlich würde der ungestüme „Cavalry Captain“ auch auf früheren Alben eine Ausnahmestellung besitzen, doch scheinen die Themen elementarer, die Kompositionen großflächiger, die Melodieführungen klarer definiert.

Was aber vor allem auffällt, ist Meloys Gabe, scheinbar mühelos einen fabelhaften Refrain nach dem anderen aus dem Ärmel zu schütteln, die ihm auch auf dem siebten Album nicht verloren gegangen ist. Das herrliche „The Wrong Year“ schreit jetzt schon nach dem gemeinsamen choralen Erleben beim nächsten Konzert und mit „Anti-Summersong“ präsentieren The Decemberists bereits den nächsten Sing-a-long-Nachfolger zu „June Hymn“. Jetzt könnte hier schnell von der sicheren Seite gesprochen werden, derer sich die Band bedienen würde, doch tauchen auf „What A Terrible World, What A Beautiful World“ auch neue, wieder deutlich schwerere Töne auf. Das spartanische, aber in seiner kargen Ausgestaltung wunderbare „Carolina Low“ oder das auf den Amoklauf in Newton, Connecticut anspielende „12-17-12“ fügen sich nahtlos in den Kontext des Albums ein und lassen die titelgebenden Zeilen noch deutlicher wahrhaftig erscheinen.

Wenn man sich jetzt noch einmal von der Ausgangsfrage zur Schwierigkeit einer solchen Rezension dem Album nähert (und es ist jetzt auch sicherlich nicht schwer zu erraten, auf welcher Seite der Rezensent steht!), fällt auf, dass dem Werk nahezu kein negatives Attribut zugeordnet wurde. Bedeutet das nun, dass der Autor seine Kritik nicht hinter seiner Fanboyschaft verbergen kann und somit prinzipiell alles gut finden muss, was Meloy und Co. machen? Oder ist „What A Terrible World, What A Beautiful World“ wirklich so gut, aber hätten dann hier unten bei der Bewertung nicht mindestens 90% oder mehr stehen müssen, AUFTOUREN-Liebe inklusive? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen und nun ja, schwierig waren diese Zeilen auch nicht zu verfassen. Allein dafür sorgt dieses wunderschöne Album, dessen einziger Schwachpunkt vielleicht der frühe Veröffentlichungstermin im Januar sein könnte. Denn vielleicht vergisst man es ob seines verzaubernden Wohlklangs am Ende bei der Jahresabrechnung.

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