Als das Jahr 2014 eigentlich schon musikalisch abgehakt und alle Bestenlisten geschrieben waren, erschien mitten im traditionell eher veröffentlichungsarmen Dezember und ohne große Ankündigung D’Angelos lang ersehntes Comebackalbum. Die aktuellen Ereignisse in Ferguson und New York rund um die Ermordung von Michael Brown und Eric Garner und die anschließenden Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt hatten den R’n’B- und Neosoul-Sänger dazu bewogen, die Veröffentlichung seines wohl politischsten Albums „Black Messiah“ vorzuziehen.

Fast 15 Jahre nach seinem Meisterwerk „Voodoo“ wagte man kaum noch, ernsthaft an das Comeback D’Angelos zu glauben. Zu sehr schien der Sänger mit seinen Dämonen beschäftigt zu sein, zu sehr dominierten negative und außermusikalische Schlagzeilen die Berichterstattung: Drogensucht, Gefängnisaufenthalt, ein schwerer Autounfall, aber vor allem das übergewichtige und leicht aufgedunsene Äußere des ehemaligen Sexsymbols wurden von der Klatschpresse mit Freude breitgetreten. All dies verarbeitet D’Angelo im programmatisch betitelten „Back To The Future (Part I)“ und erklärt denjenigen, die vor allem um den Sixpack aus dem Video zu „Untitled (How Does It Feel)“ besorgt schienen, worauf es wirklich ankommt: „So if you’re wondering about the shape I’m in/ I hope it ain’t my abdomen that you’re referring to/ This what I want you to listen to.“

Zumindest fürs Erste dürfte sein Wunsch, dass endlich wieder die Musik im Vordergrund steht, in Erfüllung gehen, denn „Black Messiah“ sorgt mit 56 aufregenden und abwechslungsreichen Minuten für ausreichend Gesprächsstoff. Vor allem da gleich nach dem eher traditionellen Eröffnungsstück „Ain’t That Easy“, das vor allem von D’Angelos Gesangsperformance lebt und mit dem er den Hörer zur einstündigen Reise einlädt („Come with me and ride“), der experimentellste und ungewöhnlichste Song folgt. „1000 Deaths“ beginnt mit einem Ausschnitt aus der Rede des Nation-of-Islam-Aktivisten Khalid Abdul Muhammad, in dem er Jesus als schwarzen Revolutionär beschreibt und damit eine mögliche Lesart des Albumtitels gibt. Auch der Song klingt wütend und aufrührerisch und dank des aggressiven Schlagzeugs und des rumorenden Basses mindestens so sehr nach Punk wie nach Soul. D’Angelos Stimme versinkt irgendwo im Lärm und ist außerdem bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, sodass man sie kaum vom abschließenden, hysterischen Gitarrensolo unterscheiden kann.

„Charade“ dagegen verpackt seine nicht weniger drastischen politischen Aussagen in lieblichen, leicht psychedelischen Funk, der Refrain könnte auch ein Slogan der aktuellen Protestmärsche schwarzer US-Amerikaner sein: „All we wanted was a chance to talk/ Instead we only got outlined in chalk.“ Nach diesem politischen Beginn beendet D’Angelo die A-Seite des Albums mit zwei Songs über zwischenmenschliche Nähe in Form von versautem Sex und romantischer Liebe. In „Suggah Daddy“ stöhnt, kiekst und singt er Schweinereien, auf die auch Danny Brown Stolz wäre („I hit it so I made the pussy fart/ She said: it’s talkin‘ to ya, talkin‘ to ya, daddy“), über einen beschwingten Stepptänzer-Beat und einen verführerisch groovenden Bass von Pino Palladino. Im anschließenden „Really Love“ gibt sich D’Angelo dagegen zahm und säuselt seiner Angebeteten zu den Klängen einer Flamenco-Gitarre und zuckersüßen Streichern Liebesschwüre ins Ohr.

Die zweite Hälfte beginnt mit dem bereits erwähnten „Back To The Future Pt. 1“, dessen Refrain im Jam-artigen zweiten Teil kurz vor Schluss des Albums noch einmal aufgegriffen wird. Mit „Till It’s Done (Tutu)“, bei dem Roots-Drummer Questlove und erneut Palladino für den Groove sorgen, kehrt D’Angelo noch einmal von seiner persönlichen Geschichte zu politischen und gesellschaftlichen Themen zurück. Der Text dreht sich jedoch nicht um Rassismus und soziale Ungerechtigkeit, sondern um Umweltverschmutzung und Erderwärmung.

Wer aufgrund des Albumtitels mit einem spirituellen Werk gerechnet hat, liegt zwar daneben, dennoch arbeitet „Prayer“ mit religiösen Symbolen und Motiven und handelt von Sünde, Läuterung und Erlösung. Wie schon die A-Seite wird auch die zweite Hälfte des Albums von Liebesliedern beendet. Zu Rim-Clicks, einem leichtfüßigen Bass und einer jazzigen Gitarre versichert D’Angelo wortreich seiner Liebsten stets treu zu sein, im nächsten Song „The Door“ fleht er sie an, ihn niemals zu verlassen. Passend zur schwermütigen Stimmung erinnert die Musik dabei mit archaisch-stampfendem Rhythmus, Akustikgitarre und der gepfiffenen Melodie an den Blues. Das Album endet mit dem wunderschönen „Another Life“, bei dem erneut Questlove am Schlagzeug sitzt und D’Angelo noch einmal in die Rolle des charmanten Verführers schlüpft, der Frauen mit seiner Stimmakrobatik um den Finger wickelt.

Die triumphale Rückkehr D’Angelos wurde medial zu einer Auferstehungsgeschichte hochstilisiert, was der Albumtitel „Black Messiah“ in gewisser Weise provoziert. In den Liner Notes klärt D’Angelo aber auf, dass er weder sich selbst, noch eine andere Person damit meint, sondern ein kollektives Gefühl heraufbeschwören möchte: „We should all aspire to be a Black Messiah. It‘s about people rising up in Ferguson and in Egypt and in Occupy Wall Street and in every place where a community has had enough and decides to make change happen.“ Dass es D’Angelo nach fast 15 Jahren nicht nur gelingt, trotz der klaren Verwurzelung im klassischen Soul, Funk und R’n’B zeitgemäß zu klingen, sondern „Black Messiah“ auch die gegenwärtige Stimmung der (schwarzen) US-Bevölkerung einfängt und als Kommentar zu den Protesten und Unruhen verstanden werden kann, zeigt einerseits die Aktualität und andererseits die Zeitlosigkeit dieses grandiosen Comebacks.

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