
Die Musik von Einstürzende Neubauten wird ja gerne immer dann bemüht, wenn es entweder darum geht, einem politischen oder gesellschaftlichen Rahmen einen neuen Blickwinkel zu geben oder alltägliche Herausforderungen in einen musikkulturellen Kontext zu setzen. In der Regel entstehen daraus dann Alben, Inszenierungen oder tonale Experimente, die sich mit dem kreativen Gebrauch von Sprache und Wort, vor allem aber auch mit der hintergründigen Verfremdung von musikalischer Sozialisation befassen. Dass sich nun ausgerechnet Blixa Bargeld, Alexander Hacke und Co. einer Auftragsarbeit der belgischen Stadt Diksmuide zum 100. Jahrestag des beginnenden Ersten Weltkriegs widmen, klingt da durchaus konsequent.
Ausgehend vom Verwendungszweck solcher Auftragsarbeiten geht diesen sicherlich eine Art Erwartungshaltung voraus. So konnte bei nüchterner Betrachtung der bestehenden Komponenten durchaus mit harten Industrialtönen und martialischer Klangdynamik gerechnet werden und doch passiert auf „Lament“ so viel mehr, dass gerade der erste, im besten Fall über Kopfhörer erfolgte Hördurchgang ganze Bildwelten von Gräuel, Gewalt, aber auch Herz und Hoffnung anhand stellt.
„Lament“ ist erfüllt von der Natur des Krieges. Es erschüttert wegen seiner vielfältigen Details, die trotz der Absicht, als erlebtes Musiktheater dargeboten zu werden, augenscheinlich bleiben. „Lament“ überrascht dazu mit Facetten von Menschlichkeit und der ihr innewohnenden Sehnsucht nach Hoffnung, genauso wie mit einer feinen ironischen, ja gar sarkastischen Nuance, die vor allem über die verwendeten Quellen durchscheint.
Es fällt nicht schwer, dem Wirren des Konfliktes zu folgen. „Kriegsmaschinerie“ beschreibt mit viel Wucht das beginnende Treiben und das erwachende Rüsten. Ganz der Chronologie folgend werden erbauliche „Hymnen“ geschmettert, dabei vergessen die Neubauten aber auch die Kehrseite nicht und enden das zusammengesetzte Potpourri mit der volkstümlichen Verballhornung – „Heil dir im Siegerkranz, Kartoffeln mit Heringsschwanz“. Die „Willy-Nicky-Telegrams“ wiederum beleuchten auf geradezu widerlich amüsante Weise das Wechselspiel Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußens und Nikolaj Alexandrowitsch Romanows um die Vorherrschaft im Rüsten für den Krieg.
Doch Bargeld und seine Mitstreiter beziehen sich nicht nur auf überlieferte Quellen wie die Texte des belgischen Dichters Paul Van Den Brock, die sie geflüstert mit einer Stacheldrahtharfe begleiten, oder die angejazzten Durchhalteparolen der „Harlem Hellfighters“. Es gelingt ihnen ferner mit den hinzugenommenen Eigenkompositionen, ein dichtes Kriegspanorama zu verdeutlichen. Vor allem mit der titelgebenden Suite „Lament“, die in ihrer Dreiteiligkeit nur so vor Intensität strotzt, in ihrem Abschluss „Pater Peccavi“ bekommt der Hörer die Beklommenheit auf dem Silbertablett präsentiert. Die gelebte Geschichte wird noch deutlicher durch die Gesprächsfetzen, die via Lautplatte in die auf die Motette „The Prodigal Son“ übergeht und transportiert den eiskalten Schauer in alle Ecken des Albums.
Das Kernstück auf „Lament“ ist allerdings „Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)“, dessen musikalische Konstruktion für jede Kriegspartei einen Klang und für jeden beteiligten Tag einen Schlag vorsieht. Deutlich genug für eine visuelle Performance konzipiert, erreicht das Stück auch durch das bloße Zuhören eine meditative Denkstarre, die aber energisch an das Sich-darauf-Einlassen appelliert. Es ist schier unmöglich, auch nur im Entferntesten daran zu denken, dem gesamten Album auf beschreibender Ebene nahe zu kommen. Es ist ein klares Einfordern des Erlebens, des Wahrnehmens, des sich Erinnerns.
So schwer es demnach ist, „Lament“ fernab des Fühlens einzuordnen, so schwer ist es auch, der Musik eine Bewertung zukommen zu lassen. Sicher könnte zum Beispiel „How Did I Die?“ auch auf anderen Album einen Fixpunkt bilden. Doch innerhalb von „Lament“ ist es Mittel zum Zweck, der sich während jedes Hördurchgangs verfestigt und konzentriert und „Lament“ deutlich auf Abstand zum bisherigen Werk der Einstürzenden Neubauten halten könnte. Dieser Zweck ist aber auf jeden Fall erfüllt von der Faszination der Erinnerung.