Warm GravesShips Will Come

Warm Graves sind drei junge Männer aus den USA, Italien und Deutschland. Kennen gelernt haben sie sich in Leipzig, das ja jetzt angesagter sein soll als Berlin. Um da den Erwartungen zu entsprechen, musste natürlich auch ein abgedrehter Musikgenre-Begriff her, so etwas wie „Sci-Fi-Delic“ zum Beispiel. Und obendrein ist das Debut „Ships Will Come“ inhaltlich mit – Achtung! – dystopischer Science-Fiction-Literatur verknüpft.

Ehrlich gesagt verderben diese Presse-Informationen zuerst einmal die Lust, überhaupt in das Album reinzuhören. Statt Spannung steigert sich ein unwohles Gefühl, dass da gleich ein ach-so-experimentelles Geschredder aus den Boxen kommt – möglichst unkonventionell eben und Hauptsache abgedreht. Doch die perfekt durchkonzeptionierten und ineinander überblendenden sieben Stücke sind ganz anders.

Mit einem eisigen Hauch wiegt sich eine dramatische Orgel in das erste Lied „Ravachol“ ein und formt eine Atmosphäre, die bis zum letzten Klang des Albums nicht verschwinden wird. Die Assoziationen pendeln bereits jetzt zwischen Woodkid, nur dunkler, und Arcade Fire, in jungen Jahren, und doch fühlt es sich nicht ganz richtig an, diese Vergleiche zu ziehen. Als die bleierne Leier der Orgel fast die erste Minute des Albums gefüllt hat und langsam erdrückend wird, steigen rhythmisch treibende Drums ein. Bis hierher ist das Arrangement so simpel wie clever, doch die Magie kommt erst noch, wenn ein mehrstimmiger, aus weiter Ferne hallender Chor die Vocals beiträgt – aber nicht als instrumentelles Stilmittel. Er ist der Leadgesang.

Der Verzicht auf einen hervorgestellen Einzelvokalisten und die Distanz, die die Stimmen durch ihr Echo von dem Musikbett einnehmen, machen die Lieder ungreifbar und zugleich ergreifend. Sie erzählen Geschichten – auch wenn der Gesang meist unverständlich bleibt – durch die Stimmung, die sie transportieren. Auch auf instrumenteller Seite scheinen Warm Graves gezielt Abstand aufbauen zu wollen. Zwar zeichnet eine Gitarre beispielsweise in „Ships Will Come“ oder „Best Ezra“ melodische Linien in die bisweilen martialisch pochenden Drums. Doch sie bewahrt durch den eigenen, reserviert anmutenden Klang die Kühle des Gesamtkonstruktes.

Zum Abschluss verdichten Warm Graves mit dem über 10-minütigen „Rouleaux“ beeindruckend das, was sie die vergangenen sechs Tracks getan haben, zu einem undurchsichtigen rave-artigen Marathon, der in einen eineinhalbminütigen Fade-out ausplätschert. Zugegeben: Hier dreht das Album tatsächlich ein bisschen ab, jedoch im Guten. Und selbst wenn hier das befürchtete verkrampft-experimentelle Geschrammel käme (es kommt nicht): Man würde es den dreien an dieser Stelle verzeihen – für alles Schöne, das sie auf diesem Album geschaffen haben.

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