Es bedarf vieler Worte, um alle künstlerischen Spielwiesen von Marianne Faithfull gebührend zu würdigen. Wahlweise als Sängerin, Schauspielerin, Muse, Seelenverwandte, Duettpartnerin, Songwriterin, Geliebte, Stilikone und was weiß ich nicht noch alles beherrscht sie seit nunmehr 50 Jahren ihr Metier. Aus diesem unsagbar vielfältigen Erfahrungsschatz schöpft auch ihr aktuelles Album „Give My Love To London“, das Faithfull so elegant wie nötig und so süffig wie möglich präsentiert.

Spannenderweise hatte ich meine ersten Berührungspunkte mit Marianne Faithfull auf einer Live-CD von Reinhard Mey, der darüber berichtete, wie sehr seine Frau „The Ballad Of Lucy Jordan“ lieben und genau wie im Text zitiert gerne in einem Cabrio mit offenen Haaren durch Paris fahren würde. Damals war mir die Tragweite des tragischen Textes kaum bewusst, doch konnte ich mich fortan immer wieder beim Klang der rauchigen Stimme Marianne Faithfulls im Radio oder auf anderen Kanälen und Quellen an diese erste Begegnung erinnern. Jetzt ist es nicht so, dass mir „The Ballad Of Lucy Jordan“ beim ersten Hören von „Give My Love To London“ direkt wieder ins Ohr gesprungen wäre, zumindest aber erinnert die Atmosphäre auf diesem Album deutlich an „Broken English“ – jenes Comeback-Album Faithfulls, in dem sie 1979 so intensiv wie eben nötig Vergangenheitsbewältigung betrieb.

Jetzt trennen „Give My Love To London“ und „Broken English“ nahezu 35 Jahre, trotzdem klingen beide Alben nahezu identisch zeitlos. Auf jedem finden sich prominente Mitstreiter sowie neben Eigenkompositionen auch Cover, oder vielmehr Neuinterpretationen, wie das im Gleichschritt mit dem Original schlurfende „Going Home“, das in artverwandtem Duktus Bestandteil des letzten Leonard-Cohen-Albums „Old Ideas“ war. Auch „I Get Along Without You Very Well“ schummert einem gediegenen Auftritt entgegen, entscheidet sich aber weder für Frank-Sinatra-Verve noch für Chet-Baker-Eleganz, sondern lässt Faithfull beinahe erhaben auf das Albumende hingleiten.

Mit jeder Minute, die „Give My Love To London“ andauert, stellt sich ein unglaubliches Gefühl von Zufriedenheit ein. Da kämpft Faithfull im gigantischen „Mother Wolf“ mit ihren eigenen Dämonen und erschüttert den Song mit berstender Gitarrengewalt. Dann taucht sie die Szenerie im mit milder Melancholie durchzogenen und von Nick Cave inszenierten „Deep Water“ in seidigen Glanz, der kurz vorher noch von dunklem Gespinst im geheimnisvollen und intimen „Late Victorian Holocaust“ umgeben war. Dass „Give My Love To London“ dabei in vielen Fällen sehr klavierdominiert daherkommt, liegt auf der Hand, denn viele der Kompositionen aus der Hand Ed Harcourts stammen, dessen bittersüßes „The Beautiful Lie“ oder auch sein letztes Minialbum „In My Time Of Dust“ nicht so weit enfernt scheinen.

Es ist klanglich bemerkenswert, dass Faithfull ihr Album mit dem augenscheinlich vergnügten Titelsong beginnt und auch das folgende „Sparrows Will Sing“ geizt nicht mit frischer Energie. Über den weiteren Verlauf hinweg bedient sie dann aber so viele Stimmungslagen, die sie in ihrer langen Karriere sicherlich auch selbst erlebt hat. Und das hört man dem Album in jeder Sekunde an.

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