Gazelle TwinUnflesh
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Label:
Anti-Ghost Moon Ray
VÖ:
26.09.2014
Referenzen:
Portishead, Björk, Chelsea Wolfe, Kraftwerk, Fever Ray, Goldfrapp
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Nicht nur dass das Albumcover des Zweitlings von Elizabeth Bernholz alias Gazelle Twin für einiges Aufsehen sorgt, auch die klaustrophobische Klanggewalt auf „Unflesh“ beeindruckt mit unmittelbarer Tiefe. War das Debüt „The Entire City“ ein nach Weite drängendes Zukunftspanorama, sucht die Britin hier in Enge und Beklemmung nach Erlösung.
Das fängt schon mit den ersten Sekunden nicht gut an. Aus einer unbarmherzigen Soundschleife heraus drischt ein nervöser Industrialbeat auf skizzenhafte Klangskelette. Die immer nach Flucht klingende Stimme Bernholz flüstert „It’s coming at me“ und verfolgt den Hörer direkt hin zu den Grenzen seines Bewusstseins. „Unflesh“, entfleischen beziehungsweise das Fleisch von den Knochen ziehen, gleichzeitig nackt und bloß, ohne Schutz jeglicher Unbarmherzigkeit ausgeliefert sein. „Guts“ ist nicht viel besser, erst quälend durch technoide Acid-Nuancen, dann gerät der Song durch hochgepitchte Echos und Unregelmäßigkeiten im Takt vollends aus dem Rhythmus.
„It’s a kind of dream, no way to wake up from“ heißt es konsequenterweise im folgenden „Exorcise“. Das Stück zerrt und zuckt in einer Art Psycho-Stakkato vor sich hin und lässt nach wie vor keine Ruhepause aufkommen. Überhaupt überwiegen abgehackte und kurz punktierte Rhythmen auf „Unflesh“, lässt zuweilen gar Reminiszenzen an Kraftwerk, wie bei „Anti-Body“, zu. Doch Bernholz kann auch anders und lässt einige ihrer Songs durch ein sinistres Nebel-Lamento wandern.
Auf „Child“ zum Beispiel, bei dem sie so ungeheuer nach Beth Gibbons klingt, dass man fast glauben könnte, es handle sich um ein verschollenes Portishead-Outtake. Überall tauchen darüber hinaus Klänge auf „Unflesh“ auf, die ein Stück über den Dingen zu schweben scheinen. Das wie aus Glasknochen bestehende Schlagwerk bei „Premonition“, die hohle Donnerorgel in „Still Life“ oder auch die einem Pulsschlag gleichkommenden Pauken in „Human Touch“ – Bernholz hätte auch ein wildes Sci-Fi-Drama vertonen können, so plastisch verweben sich Stimme und Klangelemente zu einer atmosphärischen Nachterzählung.
Jetzt klingt „Unflesh“ also durchaus stringent, nur fehlen vielerorts einfach die Songs hinter den spannenden Arrangements. So aufregend es klingt, wenn sich bei „Belly Of The Beast“ ein Elektro-Pop-Skelett aus den anfänglichen Alltagsgeräuschen herausschält, es will dann doch kein Song werden. Auch das ständige Hauchen, Flüstern und Summen wirkt auf Albumlänge ermüdend, manchmal dürfte es schon ein wenig mehr Stimme oder zumindest ein wenig mehr Varianz wie im herausragenden „Human Touch“ sein.
Bernholz erreicht auf ihrem Album vieles von dem, was sie bereits auf dem Albumcover verspricht. Der Weg nach innen fällt ihr aber deutlich schwerer, was nicht nur der drückenden Atmosphäre anzumerken ist. War „The Entire City“ noch beeindruckend durch die gigantischen Soundlandschaften, sind es hier die kleinen Einzelteile, die „Unflesh“ zu einer aufregenden Erfahrung machen. Ein böses, Angst machendes, aber in seiner Wirkung eben auch sehr einnehmendes Werk.


