ShellacDude Incredible
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Label:
Touch & Go
VÖ:
19.09.2014
Referenzen:
Big Black, Nomeansno, Rapeman, Jesus Lizard, Slint, Mission Of Burma, Cloud Nothings
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Autor: |
| Klaus Kuhlenbeck |
Zugegeben, das neue Album von Shellac war nicht unbedingt eines, auf das ich sehnsüchtig und mit zittrigen Händen gewartet hätte. Das liegt nicht an den unbestreitbaren musikalischen Qualitäten der Band, sondern schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass Shellac nicht sonderlich präsent waren in den letzten Jahren. Und wie es bei Freundschaften nun mal so ist, wenn eine Seite nichts mehr von sich hören lässt, verliert die andere oft irgendwann das Interesse. Ein Fehler, wie mir nach den ersten ziemlich genau 30 Sekunden von „Dude Incredible“ unmissverständlich klar gemacht wird, als mich die akkurat aufgeschichtete Wucht und Dynamik mit Nachdruck daran erinnern, dass man Shellac besser nicht den Rücken zudrehen sollte.
Als Sänger und Gitarrist Steve Albini die Band mit Bob Weston (Bass) und Todd Trainer (Schlagzeug) 1992 ins Leben rief, nahm die Kommerzialisierung der Independent-Musikszene im Sog von Nirvanas „Nevermind“ ungeahnte Dimensionen an. Albini war, insbesondere in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als wegweisender Produzent (beziehungsweise „Recording Engineer“, wie er seine Rolle selbst beschreibt) und Inhaber des Electrical Audio Studios in Chicago, immer ein mahnender Gegenpol dieser Entwicklung. So ist „Dude Incredible“ auch erst das fünfte offizielle Album und beendet eine siebenjährige Veröffentlichungspause der Band, die sich nach wie vor den gängigen Mechanismen der Musikbranche verwehrt und Platten dann rausbringt, wenn es so weit ist und auf Tour geht, wenn es ihr passt. Promotion in Form von Videos, Vorab-Songschnipseln oder plakatierten Innenstädten gibt es ebensowenig wie eine eigene Webseite oder Accounts bei den einschlägigen sozialen Netzwerken. Das mag seltsam anachronistisch erscheinen, aber das ist die Musik von Shellac schließlich auch.
Ein gerne gewähltes Mittel, um die Auswirkungen akustischer Machenschaften in Worte zu fassen, ist der plakative Vergleich mit Naturgewalten: Erdbeben, Tornado, Lawine, Tsunami. Oder es werden – etwas weniger imposant, dafür aber näher am alltäglichen Leben – nüchterne Parallelen zum ehrbaren Handwerk gezogen: Hammer, Brett, Wand, Dampfwalze. Weiterhin bietet sich noch die wahllose Aneinanderreihung von Sub-Genres an, die am Beispiel von Shellac dann in etwa so enden könnte: Post-Math-Noise-Rock. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, wie der Nutzen meistens gering ist. Warum also nicht einfach die langjährig bewährten, guten alten Adjektive zu ihrem Recht kommen lassen? Fokussiert, stoisch, brachial. Das ist in etwa das, was Shellac seit nunmehr 20 Jahren auszeichnet.
Wie immer produziert von Albini selbst, aufgenommen in seinem Studio und veröffentlicht auf Touch And Go, hat es die Band mit „Dude Incredible“ geschafft, sich in ihrem selbst sehr eng gesteckten Rahmen neu zu entdecken, ihren Sound auf das Wesentliche einzudampfen und als Ergebnis ein Album von aggressiver Schlichtheit vorzulegen. Etwas weniger kratzig, mit noch stärker differenziertem Sound und seltener in anstrengende Gefilde ausufernd als auf den Vorgängerwerken sind Shellac nach wie vor in der Lage, der Hörerschaft erhebliche Schmerzen zuzufügen. Eingebettet in kontrollierte Bassläufe erzeugen gezielte Tempo- und Rhythmuswechsel und präzise Lärmattacken eine Umklammerung, aus der man sich nur schwer lösen kann. Der satte Groove des Titeltracks oder die erst kurz vor Schluss eskalierende Gleichförmigkeit von „Compliant“ sind dafür gute Beispiele und zeigen, wie lebendig Shellac nach wie vor sind. Die Stimmungsschwankungen reichen dabei von provinzieller Tristesse in „Gary“ bis zu wortloser Aggression in „The People’s Microphone“.
Das Ergebnis ist ein sehr intensives und kompromissloses Album ohne Schwächen. Vielleicht fehlen die ganz großen Momente wie „Prayer To God“ von ihrem 2000er Meisterwerk „1000 Hurts“, aber Shellac gelingt es mit „Dude Incredible“ eindrucksvoll, ihren Status als schroffe, uneinnehmbare Festung der Unangepasstheit auch in der immer schnelllebigeren Musiklandschaft zu untermauern. Womit wir dann doch wieder bei den plakativen Vergleichen angekommen wären.


