InterpolEl Pintor
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Label:
Pias Coop / Soft Limit
VÖ:
05.09.2014
Referenzen:
Paul Banks, Editors, Joy Division, I Love You But I’ve Chosen Darkness, And Also The Trees, Echo & The Bunnymen, The National
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Autor: |
| Jennifer Depner |
Als man sie eigentlich schon längst abgeschrieben hatte und die Aussicht auf ein neues Album nicht viel mehr als ein müdes Schulterzucken bewirkte, melden sich Interpol besser, stärker, kraftvoller zurück, als man es hätte erwarten können.
Zugegeben: Das letzte, selbstbetitelte Album sorgte bei vielen alten Fans für Kopfschütteln und Stirnrunzeln. Paul Banks & Co. klangen müde, vorbei war die Zeit, in denen Songs wie „Slow Hands“, „Evil“ oder „Obstacle 1“ den Hörer mit fester Hand im Schritt packten und so schnell nicht mehr losließen. Banks’ tiefer Bariton hatte seine Fähigkeit verloren, gleichermaßen bedrohlich wie faszinierend zu klingen. Und als kurz nach der Veröffentlichung auch noch Bassist Carlos D., quasi Dreh- und Angelpunkt des für Interpol so typischen Sounds, seinen Ausstieg verkündete, schien das New Yorker Trio am Ende zu sein.
Mit „El Pintor“ beweist die Band nun nicht nur, dass sie noch da ist, sondern vor allem lebendiger denn je. Der Titel – der spanische Ausdruck für „der Maler“ – ist ein Anagram des Bandnamens, und doch hat man mit „Interpol“ selbst nicht mehr viel zu tun. Energetischer, raffinierter und auch strukturierter geht es hier zu, das merkt man schon dem Albumcover an: Die wirr herumfliegenden Buchstaben vom Vorgänger sind einer klaren Ansage gewichen, eine Verwechslung ist ausgeschlossen. Der Eröffnungssong „All The Rage Back Home“ lässt sich genau 50 Sekunden Zeit, bis sich zu Banks’ sphärischem Gesang das Schlagzeug gesellt und eine pulsierende Tanznummer losbricht. Von der Zugänglichkeit eher verwandt mit „Next Exit“ (aus „Antics“) statt mit „Pioneer To The Falls“ (aus „Our Love To Admire“) startet die Band hier angenehm offen wie schon lange nicht mehr, ohne gleich alle Zügel aus der Hand zu geben.
„El Pintor“ geht aber nicht nur auf Nummer sicher, das wird spätestens im fünften Stück klar. In „My Blue Supreme“ entdeckt Banks neben dem Falsettgesang offenbar auch ein neues Gespür für glasklare Popmelodien und setzt sich damit deutlich von den restlichen Songs ab. Es sei ihm an dieser Stelle gedankt: Ob es sich hier wirklich nur um eine gewöhnliche Autofahrt oder um den nächsten substanzgesteuerten Rausch handelt, spielt angesichts der großartigen Stimmung kaum eine Rolle. Währenddessen greift „Anywhere“ das Kessler’sche Gitarrenspiel genau dort auf, wo „Antics“ es zuletzt gesehen hatte und lässt zudem Drummer Sam Fogarino genug Raum, um den Rhythmus in eine neue Richtung voranzutreiben.
Eine Rückkehr zu ihren düstersten, verführerischsten, ja gar gefährlichsten Augenblicken findet im ordentlich nachhallenden „Breaker 1“ statt, in dem Banks über sich hinaus zu wachsen scheint und bedrohlich über dem Rest der Band steht: „I’m inclined cause I need my needs to get by/ and I’ve paid my turns in kind to speed my feet away/ Come back, come back, final warning“ – das erinnert nicht zufällig an das ebenso tiefschwarze „Evil“. Überhaupt ist Banks fast immer dann am besten, wenn er vollste Aufmerksamkeit einfordert und seine Stimme wie die personifizierten Engel-und-Teufel-Figuren auf den Schultern des Hörers klingt, die zwischen Gut und Böse schwanken lassen, bis einem schwindelig wird. So auch im absolut großartigen „My Desire“, das zudem einer der Höhepunkte von Daniel Kesslers Schaffen ist – und das nicht nur auf „El Pintor“.
Dass Interpol selbst nicht zurückschauen, machen sie selbst in „Ancient Ways“ deutlich, einer wütenden, aufwühlenden Bestie von einer Single, die mit dem Ausspruch „Fuck the ancient ways“ startet und im donnernden Getöse aller drei Mitglieder gipfelt, bis zum Schluss ein einzelner Trommelschlag von Fogarino die Tür schließt. Es folgt mit dem angsterfüllten und paranoiden „Tidal Wave“ das letzte große Highlight eines Albums, mit dem in dieser Form wohl niemand mehr gerechnet hat – und das zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit Lust auf die Zukunft von Interpol macht.


