Adult JazzGist Is

Vor einigen Wochen geisterten bereits Fetzen des Debüts von Adult Jazz durchs Netz, die ein ungewöhnliches Popalbum versprachen. Irgendwo in der Schnittmenge zwischen den ebenfalls aus Leeds stammenden alt-J und Dirty Projectors konstruiert die Band aus Leeds eine ziemlich einmalige Melange, die vor allem von ihrer vertrackten Rhythmik lebt.

„Gist Is“ heißt das Album und zeigt schon im Namen auf, dass es bei Adult Jazz um Botschaften, die Ursache, ja gar um den Kern des Pop gehen kann. So tritt „Gist Is“ zunächst einmal ungemein perkussiv auf. Alle Instrumente unterliegen gewissen Motivstrukturen, die wie in einem Baukasten an-, auf- und nebeneinandergeschichtet werden und erst im Moment ihres Andockens einen Gemeinklang entwickeln. Besonders eindrucksvoll gelingt das in „Springful“, das sich ständig neue Klangelemente einverleibt, nur um sie ein paar Minuten später wieder abstoßen zu können. Dabei verschiebt es Rhythmus und Takt, wählt aus einem sortenreichen Perkussionsarchiv aus und trennt trotzdem den Falsettgesang von Sänger Harry Burgess nicht komplett aus dem Song heraus.

Überhaupt diese Stimme. Burgess‘ Organ ist sicherlich das verbindende Momentum auf „Gist Is“. Manchmal wirkt sie eher wie ein stakkatohafter Taktgeber, so zum Beispiel im zerklüfteten „Donne Tongue“, dass sie zwischendrin komplett die Orientierung zu verlieren scheint. Dann aber schleicht sie ebenso elegant wie schmeichelnd über die zuweilen spärlich instrumentierten Stücke, wie im skizzenhaften „Pigeon Skulls“, dessen zartherber Unterton selbst Antony Hegarty Tränen in die Augen treiben würde.

Dass es auf „Gist Is“ nur wenig lineare Songstrukturen gibt, liegt auf der Hand, zu frei gehen die Musiker mit ihren Stücken um. Sie haben wenig Angst vor Pausen oder vor tonaler Leere, schon der Auftakt „Hum“ beginnt eigentlich erst nach vier Minuten, das eröffnende Beinahe-Rezitativ mit Bordunbegleitung zieht aber dennoch sofort in den Bann und macht neugierig auf die ereignisreichen weiteren Kompositionen. Davon gibt es jede Menge, denn Adult Jazz lassen sich bei fast allen Stücken des Albums jede Menge Zeit zur Entfaltung. Manchmal zerrt das an den Nerven, denn kaum hat man sich an eine hübsche Melodie gewöhnt, opfern die Engländer diese zugunsten eines neuen Einfalls. Es mangelt zudem ein wenig an Eingängigkeit, sodass viele der hübschen Gimmicks ob der Häufung von Einflüssen unter den Tisch fallen.

Rhythmischer Höhepunkt ist sicherlich – auch des sehr treffenden Namens wegen – das bereits im Vorfeld sehr amüsant bebilderte „Idiot Mantra“, das in der Tat zum Mitklatschen anregt. Es wird viel getrommelt und geklatscht auf „Gist Is“, doch diese gleichsam an afrikanische Tänze, indische Tablamusik und klassische Countertenor-Arie erinnernde Verschmelzung nimmt hier definitiv die Vorreiterrolle ein.

Adult Jazz wird am Ende vielleicht das teils überhastete Stolpern in die einzelnen Songs ein wenig zum Verhängnis, weswegen „Gist Is“ kein gänzlich hervorragendes Album geworden ist – ein gutes, in Teilen sehr gutes aber allemal. Ob sie den Kern des Pop getroffen haben, ist schwer zu beantworten, fleißig danach gesucht haben sie aber mit einer Vielfalt an Einflüssen allemal.

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