| Tweet |
Label:
Plastic Head
VÖ:
25.07.2014
Referenzen:
Swans, Boris, Boredoms, Ben Frost, World's End Girlfriend, Peter Broderick, David Lang
|
|
Autor: |
| Carl Ackfeld |
Aus der Rubrik „Musik für nahezu keine Gelegenheit“ schicken sich nach einigen Hochkarätern im laufenden Veröffentlichungsjahr nun Vampillia aus Japan an, es den arrivierteren Bands wie Swans und Boris nachzutun und führen ihrerseits ihr Europadebüt „Some Nightmares Take You Aurora Rainbow Darkness“ ins Rennen. Während World’s End Girlfriend den kurz vorher ausschließlich für den japanischen Markt veröffentlichten gegengleichen Longplayer mit dem ebenso griffigen Titel „My Beautiful Twisted Nightmares In Aurora Rainbow Darkness“ produzierte, wurden hier Ben Frost und Valgeir Sigurðsson mit der Produktion beauftragt. Das hört man den onomatopoetischen und klanglich sehr ausdifferenzierten neun Stücken durchaus an.
Ausgehend vom Titeltrack, der einer sorgsam komponierten, impressionistischen Ouvertüre gleichkommt und mit singenden Streichertönen und dunklem Klavier in das Album einleitet, eröffnet einem „Some Nightmares Take You Aurora Rainbow Darkness“ bildgewaltige Klangwelten, die von irrsiniger Intensität zeugen. Allein schon die aufschäumende Wut im folgenden „Fedor“, das wie ein Sturmgewitter zwischen purzelndem Schlagzeug und wimmerndem Klagegesang hindurchprescht, birgt eine enorme Ideenvielfalt, die die Band auch in den folgenden Minuten aufrecht erhält.
Zuweilen schichten sich Genres wie Episoden nicht hinter- sondern nebeneinander und lassen trotz enormen Lärmpegels ein ungeheures Melodieverständnis erkennen. So schält sich aus den choralen, streicherumgarnenden Fetzen zu Beginn von „The Volcano Song“ ein bärbeißiges Gitarrenmonstrum, das sich bis zum eruptiven Schlagzeugausbruch in den Wahnsinn treibt. Ein babylonisches Stimmengewirr unterstützt den Ausbruch und bildet sich, wie zur Ruhe nach dem Sturm, zurück in einen geisterhaften Chor.
Vampillia machen es dem Hörer nicht leicht, da sie anfangs konsequent darauf aus sind, jeden ausgekosteten Moment an Melodieseligkeit zu (unter-)brechen. Das gelingt in weiten Teilen des Albums, wie im bereits erwähnten „The Volcano Song“ als auch im ebenfalls schwer von Störfeuern durchzogenen „Silences“ sehr gut, da den Stücken ausreichend Zeit zur Entfaltung zur Verfügung steht. Die beiden Intermezzi im Mittelteil hingegen wirken skizzenhaft und verfügen, gerade aufgrund ihrer Spieldauer von jeweils nicht einmal unter zwei Minuten, nicht über den nötigen Tiefgang, das Wechselspiel aus wohltemperiertem Klangerlebnis und berstender Zerstörungswut aufzunehmen.
Das Trommelfeuer, geschürt von Schlagwerk und Gitarren, auf „Some Nightmares Take You Aurora Rainbow Darkness“ verfliegt allerdings zuweilen beeindruckend schnell und löst sich im Laufe des Albums immer mehr in seine Bestandteile auf, die Einflüsse aus der Genreferne aber bleiben. So scheint „Dream“ fast ein längst vergessenes Stück Arthouse-Filmmusik zu sein und auch „Hope“ und „Kizuna“ beißen nicht mehr zu, sondern weichen die Brüche der vorangegangen 40 Minuten deutlich auf. Damit dadurch aber keine Spannung verloren geht, steigern sich Dynamik und Intensität der Melodien erheblich und lassen zum Schluss gar Jarboe in den Reigen einstimmen.
Vampillia bezeichnen ihre Musik selbst als „wunderschönes Chaos“ und liegen damit ziemlich richtig. Es bleibt allerdings auch dabei, dass es Musik für nahezu keine Gelegenheit ist und den Hörer immens fordert. Aber wer die diesjährigen Geniestreiche von Ben Frost, Swans und auch Boris überstanden hat, darf sich die vielköpfige Band aus Osaka auf jeden Fall mal vormerken.


