MorrisseyWorld Peace Is None Of Your Business
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Label:
Capitol
VÖ:
11.07.2014
Referenzen:
Paul Weller, The Smiths, The Fall, Boz Boorer, David Bowie, Johnny Marr
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Autor: |
| Philipp Kressmann |
Bigmouth strikes again: Der popgeschichtsträchtige Misanthrop trällert wieder gegen Gott und die Welt. Das in Frankreich aufgenommene „World Peace Is None Of Your Business“ hat lange auf sich warten lassen und zog vor Kurzem durch Trailer Aufmerksamkeit auf sich, in dem der Mozzer unter anderem gemeinsam mit Pamela Anderson die Sicht von einem Hochhaus genoss und in Prologform kurze Ausschnitte aus den neuen Songs zeigte. Die Kollabo war gar nicht so überraschend: Beide eint ein engagierter Tierschutz, der im Falle Morrisseys in der Vergangenheit aber oft in perfide, unreflektiert provokante Thesen mündete (ambivalent politische Statements ausgenommen).
Doch während das Schicksal der Menschheit Morrissey im Eröffnungssong nur ein resignativ müdes Lächeln abverlangt („You poor little fool, world peace is none of your business, so would you kindly keep your nose out?“), wird das Feindbild in Szenarien der Tierquälerei umso eindeutiger. Dem Stierkämpfer in Barcelona wird in „The Bullfighter Dies“ hingegen der Tod gewünscht: „Hooray“, tönt Morrissey, „the bullfighter dies and nobody cries.“ Es sind Sequenzen, die mittlerweile nicht mehr überraschen, von Morrissey aber auf dem Smiths-Klassiker „Meat Is Murder“ differenzierter und vor allem ästhetischer inszeniert wurden.
Das Stilmittel der Ironie verwendet Morrissey in der Menschen-, aber nie in der Tierwelt. Dennoch kann man ihm das nicht durchweg als indifferente Haltung gegenüber der gesellschaftlichen Realität ankreiden. „Istanbul“ könnte sich etwa der tödlichen Proteste in Istanbul annehmen, generell ist Morrissey auch als regimekritisch bekannt. Was jedoch überdramatisch undifferenziert wirkt, ist die assoziativ anmutende Reihung von strukturell keineswegs identisch organisierten Ländern wie Brasilien, der Ukraine, Ägypten und anderen, auf die die Zeile „Each time you vote, you support the process“ rekurriert. Man fragt sich, ob Morrissey in Passagen wie diesen – mehr Klage- als Protestlied – nicht seine emotionale Beschaffenheit auf gesellschaftliche Phänomene projiziert und ob das nicht ein kritikwürdiges Analogon ist.
Die Geniestreiche gelingen ihm in der Regel nämlich dann, wenn er den Troubadour („And humans are naturally not very human and earth is the loneliest planet of all“) mimt und es sich um die individuelle Tristesse dreht. Unerfüllbarkeit, Ausweglosigkeit, die üblichen Topoi des Popgiganten (der im Gegensatz zu Kontrahent Robert Smith seine Songs seltener für sich allein stehen lassen kann) finden sich in Kompositionen wie „Earth Is The Loneliest Planet Of All“, das inmitten kratzig-sirenenhafter Gitarren dank Akkordeoneinsatz tatsächlich einen Hauch von französischer Melancholie abkriegt; auf besagtem „The Bullfighter Dies“ spielen Bläser und südländische Gitarren, ebenso auf dem eher verzichtbaren romantischen „Kiss Me A Lot“.
Schlüsselszene in dem Zwölfakter ist das neunminütige „I Am Not A Man“, in dem Morrissey die fehlenden Kategorien seiner personalen Identität beklagt. Dabei driftet er aber nicht in eine romantische Rückkehr ins rein Subjektive ab, sondern verwirft kämpferisch und unterhaltsam die öffentlichen Hülsen für männliche Zugehörigkeitskriterien. Die musikalische Positionierung pendelt dabei aber wie gewohnt zwischen majestätisch wirkenden, pompös rockigen Momenten (ganz im Stile von „Years Of Refusal“) und dezenteren Klängen, die dieses Mal leicht überwiegen. Morrisseys Band rund um Boz Boorer, der aktuell auch mit Eddie Argos kollaboriert (Art Brut huldigen Morrissey auf ihrem Debüt in „Moving To L.A.“ mit den famosen Zeilen: „I am drinking Hennessy with Morrissey, on a beach out of reach“), überzeugt auf voller multiinstrumentaler Bandbreite, die sich bis zum Schlusslicht mit Oboeneinsatz zieht. Morrissey selbst gerät stimmlich neben den kämpferischen Momenten auch wieder in einen leicht operettenhaften Gestus.
Insgesamt ist „World Peace Is None Of Your Business“ durchaus ein übersolides Album einer Ikone, das aber keinen Klassikerstatus erreichen wird – auch die typischen, sonst zu Singles prädestinierten Stücke findet man hier nicht direkt. Das heißt nicht viel, denn die Messlatte ist in Morrisseys Plattenkatalog sicherlich hoch. Dennoch weiß man, dass diese Veröffentlichung natürlich niemals so viel Präsenz erhalten würde, wenn eben nicht der mit einem Hund kommunizierende Mozzer (man beachte auch das traditionelle „Stereo“-Emblem unten links auf dem Cover) draufstünde. Und in leisen Momenten muss man gestehen: Ein bisschen Entglorifizierung wäre manchmal gar nicht so verkehrt.




Mozzen in der Lightversion
Morrisseys neue Platte ist keine Sensation, sondern, aber der Beweis, dass seine Melodien auch noch mit über 50 Jahren besser sind als von manchem 20 Jährigen. Aber Vauxhall and I ist hier nicht ansatzweise erreicht. Cover und Albumtitel geben einen Morrissey hervor, der wieder in seinem Element ist. Insgesamt, aber manchmal zu harmlos, zu Songorientiert. Dieses Album ist ordentlich, aber keine Innovation. Stilvoll, melodisch und ein paar Songs die zum genießen sind, aber etwas „light“.
70%