WussyAttica!
| Tweet |
Label:
Damnably
VÖ:
06.06.2014
Referenzen:
Yo La Tengo, Lower Plenty, Heartless Bastards, Sonic Youth, Neil Young & Crazy Horse, Deaf Wish
|
|
Autor: |
| Uli Eulenbruch |
Kaum zu glauben, aber nach mehr als zehn Bandjahren ist Wussys fünftes reguläres Album das erste, das seinen Weg endlich auch mal nach Europa gefunden hat. Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein: Auf „Attica!“ führt das Quintett aus Cincinnati seine bildstarken Erzählungen mit facettenreichem Spiel zu Songs zwischen Sommertraum und totaler Desillusion zusammen.
Schon der erste und letzte Song des Albums sind zwei der schönsten Zurückblicker des Jahres und könnten dabei kaum unterschiedlichere Gefühle transportieren. Während „Teenage Wasteland“ das erste jugendliche Von-Rockmusik-mitgerissen-Werden euphorisch zelebriert, ist „Beautiful“ selbst nicht minder mitreißend, doch statt einem „When the kick of the drum lined up with the beat of your heart“ wiederholen Lisa Walker und Chuck Cleaver im Finale inmitten abgebrannter Ruinen „20 years ago I was more beautiful than I am today“.
Die beiden Songs können den Kontrast zwischen ihren Stimmen illustrieren – Walkers hellere als Verkörperung des Lebenshungrigen und Lebhaften, während Cleaver mit runterhängenden Lippenrändern in seinen Rauschebart seufzsingt -, doch beiden gemeinsam ist die lyrische Fähigkeit, Erinnerungen derart begreifbar nachzuzeichnen, dass es egal ist, ob sie echt oder nur erfunden sind; “It reminds me of when I was 14 at the fair/ declaring things I’d never been“ (Walker, „Halloween“) und „The fire chief believes it started in the leaves/ and spread across the yard and up the arbor/ A cigarette burned us out of house and home“ (Cleaver, „Beautiful“).
Die Nonchalance, mit der die beiden Wahrhaftigkeit aus gesungenem Wort heraufbeschwören, paart sich mit dem vielschichtig ineinanderwirkenden Spiel von Wussy, deren restliche Mitglieder alle am Instrumentalteil der Songs mitwirken, während sich Cleaver und Walker Gesang und Texte fast exakt 50:50 teilen. Über einem erdigen Morast aus Slides, Vibrato und Verzerrerfauchen singen sie auf „Bug“ im Duett „You’re the drink/ You’re the drug/ You’re the bug that’s alive inside of me“, während in „North Sea Girls“ ein zunehmend Schwung aufnehmender Twang wie Möwenkrächzen an einem luftigen Pianobogen entlanggleitet, einen Unterklang von sanfter Wehmut transportierend. „Attica!“s Klangkraft ist eine komplexe, egal ob Wussy Zurückhaltung oder vollen Verstärkerrausch praktizieren, kann man das anmutige Wechselspiel zwischen einzelnen Instrumenten verfolgen oder aus der Distanz den Stoff bewundern, den ihre Melodiestränge weben.
Auch wenn es sich zunehmend über Celloraunen intensiviert, ist „Acetylene“ relativ karg gehalten, wobei Wussys Songs bereits generell eher unscheinbar wirken. Zu Akustikpicking rückt Chuck Cleaver nahe ans Mikrophon, die ganze Schwermut jeder Textzeile hängt in seinem Tonfall:
„This is not a home, this is an apartment
Surrounded by the things accumulated here
This is not a dream, this is disappointment
Pop a cork alone to toast another year“
So wirkungsvoll die Strophen sind, hebt der Refrain den Song nochmal auf eine neue Ebene, wenn Walker in „Baby we could burn so free“ einstimmt. Momente wie dieser zeigen Wussy als eine Band, die sich ihrer besonderen Stärken bewusst geworden ist. Auf „Attica!“ setzen sie sie zu herrlichem Gefühlseffekt ein.


