SeahavenReverie Lagoon: Music For Escapism Only
| Tweet |
Label:
Run For Cover
VÖ:
04.04.2014
Referenzen:
The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die, Empire! Empire! (I Was A Lonely Estate), Moving Mountains
|
|
Autor: |
| Daniel Welsch |
Natürlich beginnt ein Album, das sich dem Eskapismus verschrieben hat, mit einem Song, der musikalisch und textlich wie ein Outro wirkt. „Fifty-Four“ soll den Hörer sanft aus der Realität führen und zu einer 52-minütigen Reise einladen. Obwohl der zurückhaltend orchestrierte Emo-/Indierock Seahavens von Melancholie, Verzweiflung und Angst durchzogen ist, belohnt er die Flucht, indem er Trost und Zuversicht spendet.
Es ist keinesfalls übertrieben, zu behaupten, dass sich Seahaven mit „Reverie Lagoon: Music For Escapism Only“ neu erfunden haben. Das Debüt „Winter Forever“ löste mit seinen kompakten, nach vorne drängelnden Songs inklusive eingängiger Hooks eher unangenehme Poppunk-Assoziationen aus und ließ nicht einmal im Ansatz erahnen, welches Potenzial in der kalifornischen Band schlummerte. Auch die träumerische und beinahe meditative Grundstimmung des neuen Albums steht in starkem Kontrast zur aufgekratzten Dringlichkeit des Vorgängers. Nur die unverwechselbare, leicht quäkige Stimme von Frontmann Kyle Soto lässt überhaupt erkennen, dass hinter beiden Werken dieselbe Band steckt.
Obwohl Seahaven mit „Reverie Lagoon: Music For Escapism Only“ ein Konzeptalbum mit durchgängiger Dramaturgie aufgenommen haben, das von den beiden kurzen Stücken „Fifty-Four“ und „Four-Eleven“ thematisch eingerahmt und von den Zwischenspielen „Paseo De Las Estrellas (I – III)“ weitergesponnen wird, agieren sie angenehm zurückhaltend und unprätentiös. Die schlichten Arrangements bieten Sotos emotionalem Gesang viel Raum und selbst wenn bei „Silhouette (Latin Skin)“ oder im Finale von „Love To Burn“ Streicher für zusätzliche Dramatik sorgen, wirkt das nie opulent oder gar überladen. Die wenigen Momente auf dem Album, in denen die Gitarren und das Schlagzeug doch einmal ausbrechen und loslärmen dürfen („Wild West Selfishness“, „Flesh“), sorgen dafür, dass der Hörer trotz der träumerischen Grundstimmung aufmerksam bleibt – auch wenn Seahaven zum Ende hin ein wenig die Luft ausgeht und sie die emotionale Spannung nicht ganz aufrechterhalten können.
Mit welch einfachen Mitteln Seahaven hier enorme Wirkung erzeugen, zeigt sich besonders gut am traurig-schönen „On The Floor“. Sotos Gesang wird hier zunächst nur von stoischen Akkordanschlägen auf der Gitarre begleitet, nach dem ersten Refrain kommt ein simpler und repetitiver Schlagzeugbeat hinzu. Wenn Soto dann nach fast vier Minuten die zentralen Zeilen des Songs anstimmt, befreit sich die Gitarre plötzlich aus ihrem strengen Korsett und führt „On The Floor“ zu einem erhaben-schönen Finale:
„As you fall, you faintly hear a familiar song, hum along, ‘hallelujah.’
Now he’s gone, as is the time you now have lost. We die alone, hallelujah.”
„This life’s a mess, you and I know best/ but we ain’t got much control I guess“, heißt es in der sommerlichen Akustikballade „Highway Blues“. Auch wenn Seahaven natürlich keine Lösungen für das Chaos der Realität parat haben, bieten sie dem Zuhörer zumindest einen behaglichen Zufluchtsort, an dem er für eine knappe Stunde seine Ruhe vor dem echten Leben da draußen hat.


